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  • Nils Landolt

Back to the fun part of education

Kürzlich habe ich einer Gymnasiallehrperson meine Vorstellung einer zielführenden Pädagogik erläutert. Sie hörte mir gespannt zu und nickte immer wieder bestätigend. Als ich mein Bild fertig gezeichnet hatte, entgegnete sie mir: “Ja, aber wird dann der Beruf der Lehrperson, welcher ohnehin schon unglaublich anstrengend ist, nicht noch schwieriger? Wird das Ganze nicht zur totalen Überforderung?”


Diese Gegenfrage liess mich aufhorchen, denn endlich wurde mir klar, weshalb sich vermutlich viele Lehrpersonen gegen eine Veränderung sträuben. Sie haben Angst davor, komplett überfordert zu werden. Wenn ich in meinen Teams umherschaue, sehe ich zahlreiche hoch engagierte Menschen, die locker 11 Stunden am Tag arbeiten. Die totale Individualisierung wirkt dabei bedrohlich. Allerdings ist es so, dass eine Veränderung der Rahmenbedingungen, so wie sie von mir gefordert wird, unseren Job um ein Vielfaches interessanter und weniger anstrengend machen. Er wird auf das reduziert, was uns wirklich begeistert und verändert sich dahingehend, wie sich die meisten von uns wahrscheinlich die Tätigkeit ursprünglich vorgestellt hatten. Lasst mich erläutern…


Ich entgegnete der Gymnasiallehrerin also, dass ich ahne, woher die Anstrengung momentan komme:


  1. Unser Alltag besteht primär aus “Crowd-Control”. Wir müssen unglaublich viel Energie für die disziplinarische Massregelung von "Störefrieden" aufwenden, sodass von den anderen Kindern die notwendige Konzentration aufgebracht werden kann, um den dargebotenen Inhalten zu folgen.

  2. Um dem weiterhin vorzubeugen muss der Unterricht entsprechend vor- und die Inhalte aufbereitet sein. Dies erfordert schon jetzt viel Zeit. Meist werden die Inhalte auf verschiedene Leistungsniveaus heruntergebrochen, eingeflechtet in die prozessuale Unterstützung einer Förderlehrperson und letztendlich im Team vereinheitlicht.

  3. Die Elternarbeit kostet viel Energie. Immer wieder mischen sich Eltern in die Unterrichtspraxis und die Beurteilung ein. Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder und spüren, dass es um Chancenzuteilung geht. Entsprechend wollen sie darauf Einfluss nehmen. Die Lehrperson kann somit oftmals zum Feindbild werden und die Zusammenarbeit ein Graus.

Sie pflichtete mir bei und ergänzte, dass es für sie auch anstrengend sei, immer wieder die gleichen Themen zu behandeln. Dies mache ihr keine Freude. Viel lieber würde sie mit den Schülern anschauen, was sie wirklich fasziniert. In solchen Momenten wirke ihr Elan ansteckend. Damit könne sie tatsächlich begeistern. “Eben!”, antwortete ich, “genau darum geht es!” Stell dir also einmal folgendes Szenario vor:


Ihr beschliesst als Team gemeinsam eure Schule zukunftsfähig zu machen und richtet euer Schulhaus entsprechend ein: Anstatt Klassenzimmer gestaltet ihr Lernlandschaften. In einem Bereich gibt es zum Beispiel ein Biologiezimmer, wo entsprechende Experimente gemacht werden können. Auch Chemie wäre dort am richtigen Platz. Alle anderen Fachbereiche erhalten entsprechende Räume. Dann gibt es Zimmer, wo Ruhe geboten ist und die Leute konzentriert arbeiten können. Auch einen Maker- und Co-Working-Space richtet ihr ein, wo kreativ gearbeitet werden kann. Und natürlich gibt es eine grosszügige Spiellandschaft in und um die Schulgebäude herum.


Die Lehrpersonen finden für sich heraus, womit sie sich am liebsten beschäftigen, das schreiben sie auf und stellen für sich ein Portfolio zusammen. Die Lernenden wissen demnach, an wen sie sich für welches Thema wenden können. Da Letztere selber für ihren Kompetenzwerweb zuständig sind, müssen die Lehrpersonen nichts mehr vor- und nachbereiten. Zumindest nur auf Nachfrage der SchülerInnen und nur das, was ihnen selber auch Freude bereitet. Punkt zwei fällt also weg. Da sich die Schüler ihre eigene Bezugsperson suchen, zu der das grösste Vertrauen herrscht, hat man auch mit denjenigen Menschen zu tun, mit denen man gerne zusammen ist. Punkt eins abgehakt. Dies wirkt sich auch auf die Elternbeziehung aus. Zudem kann in solch einem Setting nicht weiter summativ beurteilt werden. Die Lernenden stellen ihr eigenes, hochindividuelles Portfolio selber zusammen. Die Lehrperson begleitet die Lernprozesse auf Augenhöhge und ohne die Schüler und Schülerinnen dabei zu beurteilen. Der Faktor Chancenzuteilung ist ausgeschaltet. Punkt drei fällt weg. Dementsprechend reduziert sich die Tätigkeit der Lehrperson tatsächlich auf das was Spass macht. Eine riesige Chance!


An diesem Punkt war das Thema Schule in unserem Gespräch abgeschlossen. Wir waren uns einig und sehnten uns beide nach solch einer Schule.


Vielleicht bleiben bei dir, lieber Leser, liebe Leserin, aber noch Restzweifel. In der Primarstufe könnte es zum Beispiel heissen: Aber dann geht es doch in der Oberstufe weiter mit der Leistungseinteilung. Wie sollen wir dies rechtfertigen? Dann haben wir ja nur noch A Schüler. Wollte man dies, so muss sich doch das ganze System ändern, auch gegen oben!


Natürlich muss sich das ganze System wandeln. Aber irgendjemand muss den Anfang machen. Wenn niemand handelt, passiert nie etwas. Konfrontiert doch eure Schulleitung mit diesen Gedanken oder die Schulpflege oder die Lehrperson, verbreitet auf jeden Fall den Wunsch, die Sehnsucht nach dem Meer. Macht einen Start und baut um, alles Weitere wird sich wandeln. Diese Gedanken kommen auch nicht einfach von mir, sondern wurden im vergangenen Jahr gar vom WEF für die Pädagogik gefordert. Bauen wir entsprechend um, so sind wir voll kohärent mit den Forderungen der Arbeitswelt.


Apropos Arbeitswelt: Sekundarschullehrer und Lehrmeister argumentieren an diesem Punkt oft, dass die Lehrbetriebe auf Zeugnisse angewiesen seien. Wie solle man sich sonst für einen Lehrling entscheiden? Dazu ein paar weitere Gedanken:


Kürzlich habe ich mich mit einer Förderlehrperson der Sekundarstufe unterhalten, die mir von einem jungen Mädchen erzählt hatte, welches sich eine Lehrstelle als Köchin wünschte. In der Schnupperwoche hatte sie ein exzellentes Zeugnis erhalten in Form eines Erfahrungsberichts des betreuenden Kochs. Letztendlich hat sie die Stelle aber, aufgrund schlechter Schulnoten, nicht erhalten. Glaubst du, dies wäre auch so gewesen, wenn die Jugendliche keine Zeugnisnoten gehabt hätte, sondern einfach einen Bericht der Schule darüber, womit sich das Mädchen während ihrer Schulzeit erfolgreich auseinandergesetzt hat?

  • Anstelle von Zahlen auf einem weissen Papier erhalten wir die Chance, junge Menschen und ihre Passionen wahrhaftig kennenzulernen.

  • Anstelle von auswendig lernen, abrufen und wieder vergessen tritt Neugier und intensive Auseinandersetzung ein.

  • Anstelle von Lehrer versus Eltern tritt ein MITeinander FÜR das Kind ein.

"Aber was passiert mit den schwachen Kindern...", höre ich einige gedanklich einwenden "...das ist doch nur etwas für die Starken, diejenigen, welche damit umgehen können!"


Nun, an diesem Punkt müssen wir uns fragen, was denn schwach und stark überhaupt bedeutet. Was denn diese Kinder lernen sollen, was sie tatsächlich befähigt. Vielleicht wissen wir dies ja nicht, vielleicht versuchen wir ihnen Dinge näher zu bringen, die ihnen gar nichts bringen. Im Jahr 2015 ist das WEF zum Schluss gekommen, dass 65% der Kinder, welche heute erstmals zur Schule gehen später in Berufen arbeiten werden, die es heute noch gar nicht gibt. Und vielleicht lernen "die Schwachen" durch die zusätzliche Kontrolle und Betreuung auch einfach eins: Dass sie eben schwach sind. Ich bin überzeugt davon, und sehe es auch in Schulen wie der Villa Monte, die den von mir anvisierten Weg bereits gehen, dass es funktioniert.


Und bitte geht den Wandel ganzheitlich an, nicht in kleinen Schritten. Etwas Freiheit da und dort wird vielmehr zeigen, dass sich die Kinder schwer tun mit der plötzlichen punktuellen Offenheit. Wenn wir halbe Sachen machen, indem wir das individuelle Lernen weiter kontrollieren oder gar beurteilen möchten, so werden wir scheitern. Haben wir stattdessen Vertrauen in die individuellen Lernwege und gehen davon aus, dass sich die Lernenden das holen, was sie brauchen und damit Erfolg haben werden, so werden auch wir erfolgreich sein.

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