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  • Nils Landolt

Jenseits von Genderdiskriminierung

Vergangene Woche ist in verschiedenen Medien ein Artikel über unser Schulsystem erschienen, welcher die Diskriminierung des männlichen Geschlechts in den Fokus setzt. Die Aargauer Zeitung lässt Experten zu Wort kommen, die sagen: “Die Schule ist bubenfeindlich” und Watson fragt sich im Titel. “Wie bubenfeindlich ist die Schule?”. Darin werden verschiedene Argumentationen angeführt wie zum Beispiel der Fakt, dass auf der Primarstufe 90% der beschäftigten Lehrpersonen weiblich sind und seit Jahren immer mehr Wert auf sprachliche Fächer gelegt werde, deren Beherrschung ein weibliches Attribut sei. Eine Herausforderung durch eine besonders schwere mathematische Aufgabe hingegen, eine natürlich männlicher Handlungstrigger, würde für Besserung sorgen. Natürlich greife ich diese Beispiele nun in einer etwas überspitzten Formulierung heraus, der Kern bleibt jedoch erhalten. Die Öffentlichkeit macht sich Sorgen, dass die Chancengleichheit nicht mehr gewährleistet sei. Der Lehrplan 21 zum Beispiel lege nun enorm viel Wert auf soziale und emotionale Intelligenz… ebenfalls typisch weiblich. - Bei mir sträubten sich die Haare. - Nicht deswegen, weil die Schule gemäss den diversen Auslegungen bubenfeindlich sei, sondern weil das System Schule tatsächlich diskriminiert. Diskriminierung ist der Kern unserer Bemühungen und wir merken es nicht einmal. Die Debatte ist heiss und das kontextuelle Verständnis scheint zu fehlen. Wir stürzen uns auf einen Teilaspekt der Diskriminierung und schreien nach neuen Lehrplänen, einer neuen Form derselben.


Wir alle sind die Bildungsverlierer des vergangenen Jahrzehnts.


In einem Kommentar zum Watson Arikel bringt es Nutzer “sebastianclauss” auf den Punkt:

...Nur mit folgendem Satz habe ich echt Mühe: „Es gehe darum, den Buben früh klarzumachen, dass schulkonformes Verhalten keine weibliche Tugend sei, von der sie sich abgrenzen müssten.“ Schulkonformes Verhalten? Es kann doch nicht sein, dass Kinder sich nur anpassen müssen um ein Schulkonzept zu erfüllen. Kinder sollten so lernen können, wie es für sie passt und nicht wie es ihnen aufgezwungen wird.


Was im Artikel immer wieder auf männlich und weiblich zurückgeführt wird, wie im Beispiel vom Jugendpsychologen Alain Guggenbühl, sind tatsächlich grundsätzliche Unterschiede innerhalb der menschlichen Potenziale. Nicht jeder ist ein Musiker, wie es auch nur eine gewisse Anzahl Mathematikenthusiasten gibt. Durch die Vorgabe von lernenswerten Inhalten tragen wir dieser Voraussetzung kaum Rechnung und arbeiten oftmals an den Kindern vorbei.


Guggenbühl wird dazu bei Watson folgendermassen zitiert: selbstgesteuertes Lernen hat an Bedeutung gewonnen und auch die Sprachen erhielten höheres Gewicht. Für Buben alles andere als eine ideale Basis. «Sie profitieren stärker von einer klaren Struktur und vom Frontalunterricht», sagt Guggenbühl.


Implizit wird durch diese Formulierung vorgelebt, dass es darum gehe, die Chancenungleichheit wieder durch mehr Frontalunterricht auszugleichen. Es mag sein, dass Knaben durch klarere Vorgaben besser den Erwartungen entsprechen können. Denn darum geht es bei schulischen Leistungen. Die Kinder versuchen bestmöglich die Erwartungen der Lehrperson zu erfüllen, denn diese definiert, was in Tests geprüft wird. Je besser ein Kind die Erwartungen kennt, desto eher kann es an einer Prüfung reüssieren. Mädchen scheint dies besser zu gelingen… Doch ist dies wirklich Zielführend?


In einer hochgradig unbeständigen Welt, in der nach einer Studie von Prof. Peter Kruse nicht einmal mehr hochrangige Führungskräfte den Weg kennen und somit auf Sicht segeln müssen, in der das agile Manifest zur Bewältigung dieser wahnsinnigen Instabilität begründet wurde, welches besagt, dass wir uns in einer Transformation zum ständigen Wandel befinden. Die Antwort darauf: unfreeze – transform – transform, also: Auftauen, transformieren, transformieren...


...Erwartungen zu erfüllen ist in diesem Kontext kein sinnvolles Attribut, sondern eher eins, das uns behindert. Es ist dementsprechend kaum ratsam, wieder auf bewährte Frontalstrukturen zu setzen, sondern stattdessen den Kindern noch mehr Freiraum und Vertrauen im Lernen zu gewähren. Strukturen, in denen die Lernenden sich das herausnehmen, was sie interessiert und nicht weiter für summative Bewertungen Dinge auswendig lernen, nur um sie später wieder zu vergessen.


Die öffentliche Diskussion muss sich dringend in diese Richtung entwickeln und ihr kontextuelles Verständnis schärfen. Die Box des Unterrichts, Unterrichtens, unterrichtet und bewertet werdens verlassen, um die Welt des agilen Lernens zu betreten. Hier werden komplementäre Potenziale wertgeschätzt, durch Vernetzung zelebriert und die Chancengleichheit ist tatsächlich gewährleistet! Learnlife in Barcelona macht vor, wie dies gehen könnte...

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