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  • Nils Landolt

Nur eine Pädagogik, die auf Gleichwürdigkeit basiert, ist zukunftsfähig

Legen wir für einen Moment alle Argumente rund um den Kompetenzerwerb von Lernenden, deren Zertifizierung und die Chancen am Arbeitsmarkt zur Seite und betrachten den Status Quo an unseren Schulen:


Ich habe das grosse Glück, dass ich mehrere Klassen der Mittelstufe unterrichten darf. Sie befinden sich an der Schnittstelle zur Oberstufe und sind dem grössten Druck ausgesetzt. Es geht um die Chancenzuteilung von mehr oder minderpriviligierten Leistungsniveaus der höheren Klassen, von denen einige im gleichen Schulhaus einquartiert sind wie wir. In diesem Umfeld erlebe ich immer wieder den inneren Zustand der jungen Menschen. Einige Oberstufenschüler schreien mit sonoren Stimmen in den Pausen wüste Beleidigungen durch die Gänge. Übers Wochenende ist auch einmal ein grosses schwarzes Hakenkreuz auf der Schulhaustüre erschienen, welches unser sympathischer Hausmeister im Handumdrehen und doch mit viel Aufwand, wieder entfernte. Ein junger Schüler, welcher frisch in die Schweiz zugezogen war, verbrachte seine ersten Pausen jeweils vor dem Schulzimmer, anstatt wie reglementarisch vorgeschrieben nach draussen zu gehen. Ich suchte das Gespräch mit ihm und er teilte mir mit, dass er Angst habe vor den “Rude Boys”, welche ihn aufgefordert hätten zu kämpfen. Sie seien aggressiv und suchten Streit. Ich ermunterte ihn dazu, es wieder zu versuchen mit dem einhergehenden Schutzangebot. Natürlich brauchte sich der Junge nicht zu fürchten, die ungewohnte Umgebung und die neuen Reize haben ihn primär zu dieser dramatischen Überbewertung der Situation verleitet. Dennoch spürte der junge Mann die angespannte Atmosphäre. In den letzten Schulwochen haben sich zwei sehr leistungsfähige Schülerinnen bei mir gemeldet. Sie wollten wissen, ob ihre Zeugnisnoten bei einer 5.5 bleiben würden. Eine 6 ist bei uns in der Schweiz die bestmögliche Bewertung. Sie erläuterten, dass ihre Eltern damit gedroht hätten, sie müssten mehr Nachhilfeunterricht besuchen, würde die Note auf eine gute 5 sinken. Man spürte förmlich den Druck, welcher auf diesen jungen Schultern lastete. Die Mädchen hatten Angst, dass ihnen noch weniger Freizeit bleiben würde. Zeit fürs Leben, Zeit für den sozialen Austausch. Wahrhaftige, nachhaltige “Lernzeit”. Einmal weinte ein Junge bei mir im Unterricht. Er hatte eine 5 erhalten obwohl er sich so bemüht hatte. Er sei nicht zufrieden mit sich selber, betonte er. Regelrecht enttäuscht sogar. Er sollte nicht der Letzte bleiben. Im Sportunterricht beobachtete ich einen Schüler, wie er alle auslachte, die nach einem Hindernislauf durch die Turnhalle etwas länger brauchten. Dies war seine Disziplin. Hier war er den anderen im Gegensatz zu Mathematik überlegen.


Kürzlich war eine befreundete Familie bei uns zu Gast. Beim Abendessen erzählte mir der Vater eine interessante Analogie. Er meinte, dass wir in einer derart auf Konkurrenz getrimmten Gesellschaft lebten, dass wir immer die Fäuste aneinander rieben. Er hielt seine beiden Hände zu Fäusten geballt sinngemäss aneinander. Uns bliebe in dieser Stellung gar keine Hand frei, um einander zu unterstützen. Wow, welch krasses Bild, dachte ich. Und wie wahr! Die oben beschriebenen Szenen aus meinem Schulalltag blitzten durch meinen Kopf. Und doch leben wir heute in einer Welt, die vor unzähligen Problemen steht: Die Klimaerwärmung wird einen steigenden Meeresspiegel um mehr als zwei Meter zur Folge haben innerhalb der nächsten dreissig Jahre. Zu diesem Schluss kommt Harald Eckhoff in einem Artikel aus dem MIT Technology Review. Eine Kaskade an Folgeereignissen wird dies mit sich bringen, der Schmetterlingseffekt sitzt dazwischen, wir haben nur eine verschwommene Vorstellung davon, was dies alles bewirken wird. Nicht zuletzt aber grosse Flüchtlingsströme. Eine Situation, in der wir alle unsere Hände offen haben sollten, um sie ineinandergreifen zu lassen, uns gegenseitig zu unterstützen. Co-Kreativ und somit kollaborativ die grossen und kleinen Probleme in unserer Welt lösen. Der Prosument ist geboren. Jener Mensch, der nicht mehr einfach fertige Lösungen konsumiert, sondern sich seine eigenen Nischenlösungen gemeinsam mit anderen erschafft. Diese Kompetenzen brauchen wir jetzt. Und vor Allem brauchen wir eine grosse Portion Empathie. Denn fehlt uns letztere, steuern wir auf ein neues dunkles Zeitalter zu.


Nun was hat dies alles mit unserer Schule zu tun?


Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown, die weltweit bekannt wurde durch ihren TED Talk mit dem Titel “The power of vulnerability”, schreibt im gleichnamigen Buch, dass Scham und Sucht derart eng miteinander verwoben seien, dass man nicht unterscheiden könne, wo das eine anfange und wo das andere. Man könnte daraus also ableiten, dass wenn man oft und stark Schamgefühle erlebt, man dadurch ein Kompensationsverhalten in Form einer oder mehrerer Süchte entwickelt. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft hochgradig konsumsüchtig ist. Die Schweiz hat im Mai 2019 bereits den Punkt erreicht, wo wir alle unsere Ressourcen für das ganze Jahr aufgebraucht haben. Wir benötigen ungefähr drei Erden. Aus dieser Gruppe möchte ich mich nicht ausschliessen. Mein ökologischer Fussabdruck ist auch nicht nachhaltig. Ich bin überzeugt davon, dass diese Entwicklung zumindest bislang gewünscht ist. Unser Wirtschaftssystem war und ist abhängig von Menschen, die sich genug schlecht fühlen, dass sie sich bereitwillig einordnen und fleissig konsumieren. Das kurbelt die Wirtschaft an. Mit unserer globalen Problemlage beisst sich die Ratte nun aber selbst in den Schwanz. Zum einen haben wir auch für unsere Ökonomie eine Situation geschaffen, in der Führungskräfte den Weg nicht mehr kennen und auf Sicht segeln müssen. Dazu wollen sie nun agile Teams, deren Mitglieder selbstorganisiert arbeiten, kreativ und bereit sind, Risiken einzugehen. Alles Kompetenzen, die einen Sinneswandel in der Bildung bedingen. Zum anderen sind wir dringend dazu angehalten, unseren CO2 Ausstoss deutlich zu reduzieren, was einen entsprechenden Rückgang im Konsumverhalten bedingt.


Wie bereits aufgezeigt, sorgt unsere Pädagogik der Bewertung, Selektion und Fremdbestimmung zu unzähligen Schammomenten und verschwendetem Potenzial; Zu hörigen Hierachiefreunden und geilen Konsumenten.


Wollen wir dies weiterhin?


Oder wollen wir vielleicht eine Situation der Gleichwürdigkeit schaffen?


Ein Lernfeld, in dem sich Lernende und Lehrende auf Augenhöhe begegnen, sich gegenseitig unterstützen, anstatt sich zu bewerten, wo komplementäre Potenziale gefeiert werden und gemeinsam Lösungsfindung betrieben wird. Zum Beispiel in Design Thinking Workshops von Menschen wie Dino Beerli und Amber Dubinsky, in denen die frei erarbeiteten Kompetenzen sich miteinander zu hervorragenden Lösungen vermengen. Dazu müssen wir nun loslassen und uns kollektiv eine neue Pädagogik wünschen. Lehrer, Schulleitungen, Schulpflege und Politik sind dazu aufgefordert den kurrikularen Druck abzufedern und Verantwortung zu übernehmen. Und die Eltern- und Schülerschaft kann denselben durch eine proaktive Kommunikation ihrer Wünsche Mut machen und zum Wandel verhelfen.


Wenn wir es also schaffen, diesen Sinneswandel zu vollbringen, die Menschen wieder mehr bei sich sind und weniger bereitwillig konsumieren, dann kreieren wir einen positiven Kreislauf, der dazu führt, dass sich unsere prekäre Situation vielleicht nachhaltig verbessert.


Es wäre schön, wenn ihr euch mir anschliesst und zumindest gehörig die aktuellen Strukturen relativiert… :-)

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