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  • Nils Landolt

Offener Brief an meine LehrerkollegInnen

Aktualisiert: 24. Juli 2019

Liebe KollegInnen,


Ihr liebt die Kinder, das sehe ich jedes Mal, wenn ich euch im Umgang mit ihnen beobachte. Ihr wollt nur das Beste für sie. Deswegen habt ihr diesen Beruf ergriffen. Ihr wollt ihnen das beste aller Fundamente bieten, um im Leben zu erblühen. Und das ist schon die halbe Miete. Denn Beziehung ist das Allerwichtigste, wenn es ums Lernen geht. Das wissen wir.


Leider ist jedoch unser pädagogisches Konzept fehlerhaft. Es wurde uns in der Lehrerausbildung derart tief eingebrannt, dass wir es kaum vergessen können. Ein Lernprozess, welcher so tief sitzt, kann nur mit grosser Mühe rückgängig gemacht werden oder einem ebenso tiefgreifenden Verständnis. Doch leider hindert uns die Natur unseres Unterrichts daran, eine wahrhafte Beziehung zu den Kindern aufzubauen…


Remo Largo hat vor Kurzem gesagt: “Hausaufgaben bringen nichts. Auswendiglernen bringt nichts. Noten bringen nichts. Das Einzige, was etwas bringt, ist eine gute Beziehung zum Kind und letztere wird zerstört, wenn das Kind schlechte Noten bekommt.”


Ich habe selber lange klassisch unterrichtet und über die Jahre gemerkt, dass Largo vollkommen recht hat. Immer wieder sind die schwächeren Schüler in meinen Klassen immer schwächer geworden. Die Beziehung hat gefehlt, sie haben sich schlecht gefühlt und in der Konsequenz auch immer weniger gelernt. Heute habe ich verstanden, wie Lernen wirklich funktioniert und dass dieses Lernen wenig mit Unterricht zu tun hat.


Lernen ist ein von Natur aus chaotischer Prozess, der von Sterilität gestört wird.


Als ich heute früh mit meiner einjährigen Tochter am Tisch sass und wir gemeinsam frühstückten, wollte sie ständig nach einem Joghurt greifen und wurde richtig wütend, wenn man nicht auf ihren Wunsch einging. Dabei sass sie auf meinem Schoss. Plötzlich gelang es ihr, den Becher zu greifen. Sie zog ihn heran und der pinke Plastiklöffel, welcher im Joghurt steckte, verschwand sogleich in ihrem Mund. Oder eher daneben. Die dunkle Flüssigkeit tropfte langsam von ihrer Wange aufs Mickey Mouse Shirt. Da ich mich selber gerade frisch eingekleidet hatte, setzte ich die Kleine in ihren Tripp Trapp und schaute ihr dann in wohliger Sicherheit beim Essen zu. Manchmal griff sie direkt in den Becher und führte sich das Joghurt mit der blossen Hand in den Mund. Erneut nutzte sie den Löffel und strich sich dabei die dickfüssige Substanz direkt auf die Kleider. Obschon ihr das Essen mit der Hand besser gelingen wollte, als dazu das Besteck zu verwenden, versuchte sie es immer wieder damit. Die Erwachsenen machten es ja vor. Und der Mensch möchte sich grundsätzlich anpassen, also lernt er.


Ich überlegte mir dabei, wie ein Pädagoge ihr das Joghurtessen wohl nach Lehrbuch näher bringen würde und die Bilderwelt entfaltete sich vor meinem inneren Auge.


Didaktisch hochstilisiertes Essen-Lernen für Kleinkinder gemäss “Didaktisch handeln und Denken, Teil 35.2”:


Phase 1: Mikromanagement von Bewegungsabläufen Der oder die Lernende erhält verschiedene Gegenstände, die bei Berührung mit dem Mund einen Ton abgeben. Diese werden vor dem Kind platziert. Während drei Sessionen à 10 Minuten wird ein Setting angeboten, in dem das Kind die Gegenstände zum Mund führen kann. Anschliessend gibt es eine formative Bewertung. Auch wenn die erlernten Bewegungen als unzureichend empfunden werden, gehen wir weiter zu Phase zwei.


Phase 2: Flüssigkeiten einnehmen mit unterschiedlichen Löffeln


Dem Kleinkind werden verschiedene Löffel und Flüssigkeiten angeboten, die eine viskoser als die andere, aber alle relativ geschmacksarm, da deren Eigenschaften ansonsten für zu viel Schmutz sorgen würden, wenn damit geübt wird. Das Kleinkind übt nun täglich zu einer vorgegebenen Zeit, die Substanzen in den Mund zu führen. Sobald die Verunreinigung der Umgebung auf ein gewisses Minimum gesunken ist, darf Phase drei eingeleitet werden.


Phase 3: Joghurtessen am Tisch


Das Kind hat sich qualifiziert, um nun tatsächlich Joghurt zu essen. Ist dies für die Lehrenden zufriedenstellend, darf das Kind selbständig weiterüben. Ansonsten erhält es eine Hilfestellung in Form einer heilpädagogischen Begleitung, die mit dem Kind immer wieder unterschiedliche Formen aus den Phasen eins und zwei trainiert.


Was für die Kompetenz des “Ich kann mit Besteck Essen zu mir nehmen” lächerlich klingt, ist Realität in unseren Schulzimmern. Sobald unsere Kinder eingeschult werden, findet eine sukzessive Verschiebung des natürlichen Lernens statt in Richtung Mikromanagement von Lernprozessen.


Doch wieso wollte meine Tochter überhaupt diese Kompetenz erwerben? Zunächst war da das akute Bedürfnis, Joghurt zu essen. Sie hatte Hunger und Lust darauf. Und sie sah, dass die Erwachsenen und älteren Geschwister um sie herum mit Besteck assen. Also wollte sie es ihnen gleich tun. Die Didaktik kehrt diesen Prozess um. Sie setzt die Verwendung des Bestecks ins Zentrum und möchte zunächst die Kompetenz erarbeiten, bevor das dahinterliegende Bedürfnis gestillt wird. Der Lernprozess wird eigentlich entkernt. Der Intrinsische Antrieb fällt weg und das Erarbeiten einer von aussen aufgesetzten Kompetenz wird zum Selbstzweck.


Das Kind verlernt sich dabei zu spüren, es wird immer devoter und erledigt Dinge, deren Zweck es, wenn überhaupt, erst viel später erkennt. Sanktionierungs- und Belohnungsmechanismen sind die natürliche Konsequenz dieses Handelns. Ansonsten würde niemand in diesem System kooperieren.

Stellen wir uns also einmal vor, was passieren würde, wenn man unseren Babies von früh an auf einer didaktischen Ebene begegnen würde, um ihnen unsere Sprache, das Laufen oder das Essen beizubringen…


...Schwerste Defizite wären die Konsequenz.


Diese Lernprozesse und die einhergehenden sensiblen Phasen, um sich einen neuen Themenbereich zu erschliessen, sind so hochgradig individuell, dass kein Didaktiker dies nur schon für ein Kind antizipieren kann. Geschweige denn für eine Vielzahl. Es ist dementsprechend zentral, dass wir uns vom Gedanken verabschieden, Lernprozesse steuern zu wollen.


Folgende Daumenregel vereinfacht vielleicht das “Unlearning” des didaktischen Denkens: Je komplexer die Thematik wird, welche von aussen dirigiert werden soll, desto mehr Schaden richten wir an, wenn wir den Prozess steuern wollen.


Der letzte Schultag war der wohl lehrreichste für meine Mittelstufenklasse.


Da in den letzten Schulwochen der Puls des Lehrplans immer weiter wegfällt, entstehen viele Möglichkeitsräume. Ein solcher war der gemeinsame Schuljahres Abschluss am Ufer der Sihl. Die Mittelstufenschüler und Schülerinnen verbrachten den Morgen damit, Steine in den Fluss zu werfen, diesen zu stauen, Steinmännchen zu bauen, mein Sohn, den ich zur Arbeit mitbrachte, entdeckte im Dickicht einen Frosch, den er genau beobachtete, eine Gruppe von Schülern wollte meine Kamera ausleihen und lernte dabei spielerisch zu fotografieren, indem sie das spritzende Wasser möglichst gut und mit wunderschönem Bokeh festhalten wollten. All dies geschieht nur, wenn die Kinder frei sind im Lernen.


Und ein Schüler, der erst seit wenigen Jahren in der Schweiz ist und Mühe mit unserer Sprache hat, tauschte sich mit anderen offen zu seinem Lieblingsthema aus: Astronomie. Er erzählte ihnen alles, was er über das All, schwarze Löcher und die Lichtgeschwindigkeit wusste. In wunderbarem Deutsch. Und wir verstanden es, lernten dazu. Und seine Förderlehrperson hätte gestaunt, wäre sie Zeuge gewesen von diesem fantastischen Deutsch, welches sich nur in solchen intrinsischen Momenten entfalten kann.


Und was tue ich während dem Schuljahr? Das Ganze weitestgehendst relativieren, die Beziehung zu den Kindern pflegen und möglichst viele intrinsische Lernmomente ermöglichen.


Es wäre schön, wenn ihr euch mir anschliesst :-)


P.S. Das Titelbild dieses Schreibens wurde am letzten Schultag an der Sihl von Schülern gemacht. Vielleicht zieht ja auch dieser Tropfen einige Kreise...



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