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  • Nils Landolt

Das Prokrustbett unserer Pädagogik schafft keine Digitalkompetenz

Aktualisiert: 22. Juli 2019

In unserem heutigen Schulsystem wollen viele weder Schüler, Eltern noch Lehrer sein. Würde die Schulpflicht also wegfallen, so gäbe es zumindest einen Grossteil der heutigen Kundschaft nicht mehr und demnach auch nicht das Problem des Lehrermangels.


Nun werden dafür immer öfter Veränderungsprozesse verantwortlich gemacht, welche zum Ziel haben, die Lernenden fit zu machen für das Phänomen Digitalisierung und Automatisierung. Digitalisierungskompetenzen wollen heute breitflächig eingeführt sein. Das Schulsystem versteht darunter die frühzeitige Bekanntmachung der Lernenden mit digitalen Gerätschaften aller Art. Diese werden dabei in die aktuelle Unterrichtspraxis eingewebt. So bieten die Pädagogischen Hochschulen beispielsweise Kurse an für Kindergarten und Unterstufe, wie man das iPad optimal einsetzt, um naturwissenschaftliche Themenbereiche digital immersiv abzubilden. Auf der Mittel- und Sekundarstufe wird von modernen Lehrpersonen “Flipped Classroom” grossgeschrieben. Jene Unterrichtspraxis, in der die Lehrperson ein Thema digital erklärt, die Schüler sich damit zu Hause vertraut machen und das Gelernte dann im Unterricht vertiefen. Alle diese Modernisierungsbemühungen sind durchaus gut gemeint und verständlicherweise abgeleitet aus der Kultur unserer Schulen, Wissen und Kompetenzen vermitteln zu wollen. Leider handeln wir dabei aber im besten Wissen und Gewissen so wie Prokrustes. Folgender Ausschnitt aus dem Buch “Antifragile - Things That Gain From Disorder” von Nassim Nicholas Taleb verdeutlicht die inhärente Problematik:


“Buch II handelt von der Fragilität, die sich aus der Verleugnung von Hormesis – der natürlichen Antifragilität der Organismen – ergibt, und davon, dass wir mit den besten Absichten Systeme schwächen, indem wir uns als Dirigenten aufspielen. Wir fragilisieren soziale und wirtschaftliche Systeme, indem wir ihnen Stressoren und Zufälligkeit entziehen und sie in das Prokrustesbett einer kuscheligen, gemütlichen – allerdings letztlich schädlichen – Modernität packen. Prokrustes, eine Figur der griechischen Mythologie, war Besitzer eines Gasthauses, der Reisende dadurch an die Größe seines Betts anpasste, dass er denen, die zu groß für das Bett waren, die Gliedmaßen abschnitt und die zu kleinen auf die erforderliche Länge dehnte. Das hatte ganz ohne Zweifel zur Folge, dass Gast und Bett perfekt zusammenpassten. Wenn man einen Organismus wie eine Maschine behandelt, nimmt man eine Vereinfachung, eine Angleichung oder eine Reduktion vor, die einem solchen Prokrustesbett entspricht; das habe ich im dritten Kapitel gezeigt. Häufig handeln wir so aus hehrsten Beweggründen – wir fühlen uns gedrängt, die Dinge zu »regeln« und zu »richten«, bewirken allerdings aufgrund unserer Angst vor Zufälligkeit und unserem Hang zu allem, was glatt und reibungslos läuft, genau das Gegenteil, das heißt wir bringen das System zum Einsturz.”, Seite 43, Antifragile - Things That Gain From Disorder, Nassim Nicholas Taleb


Es gibt kaum etwas weniger lineares wie individuelle Lernprozesse und doch behandeln wir unsere Schützlinge so, als könnte man ihnen schön taylorisiert alles nötige eintrichtern und sie somit überlebensfähig machen in einer hochgradig unbeständigen Welt. Glücklicherweise sind wir im Begriff, in diesen Bemühungen auf ganzer Linie zu scheitern. Die Symptome sind Streitereien mit Eltern, Mobbing auf dem Pausenplatz, psychische Zusammenbrüche von immer jüngeren Kindern, Unruhe im Klassenzimmern und verzweifelte Lehrpersonen. Ein System kurz vor dem Zusammenbruch, in dem eben immer weniger Menschen tätig sein wollen.


Ich möchte betonen, dass dies nicht an minderqualifizierten Lehrpersonen oder Schulleitungen liegt und auch nicht an fauleren SchülerInnen, noch an nicht kooperationsfähigen oder -willigen Eltern. Es liegt an einem System, welches ein modernes Problem zu lösen versucht mit den Mitteln von gestern.


Digitalisierungskompetenzen sind letztendlich auch nicht Anwenderkompetenzen an digitalen Geräten - oder diese sind zumindest nur ein kleiner Bruchteil davon - sondern hauptsächlich die Kompetenz, komplexe Probleme zu lösen, sich selbst zu organisieren und sich selber in einer sich ständig verändernden Welt immer wieder neu zu erfinden. Komplexe Probleme können nur summenintelligent und somit kollaborativ gelöst werden. Eine Kompetenz, welche man niemals in einem System erwerben kann, das versucht, einer altershomogenen Gruppe ähnliche Inhalte zu vermitteln. Letztendlich fällt es einem auch unglaublich schwer, sich selbst zu organisieren und sich selber neu zu erfinden, wenn man ein Leben Lang immer von anderen fremdbestimmt wurde. Es ist an der Zeit, dass wir diese Praxis hinterfragen.


Der Lehrplan 21 kommt mit seinen Kompetenzstufen der notwendigen Veränderung eigentlich inhaltlich entgegen. Leider ist jedoch das Konzept eines Lehrplans insgesamt zum Scheitern verurteilt, denn ein Lehrplan versucht Lernprozesse vorzugeben und zu kontrollieren. Diese Bemühungen führen letztendlich immer dazu, dass dabei linear gesteuert wird, denn tut man dies nicht, kann man die Lernfortschritte nicht mehr klar beurteilen und kommt dabei seiner im Berufsauftrag verankerten (Lehr-)Pflicht scheinbar nicht nach. Wir müssen uns als dringend davon verabschieden vorzugeben, wer was wann zu lernen hat. Denn tun wir dies weiter, wird unser Schulsystem implodieren.

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