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  • Nils Landolt

Was PISA und unser Bildungssystem mit dem Megalodon gemein haben

Aktualisiert: 5. Dez 2019

Oder: Wieso schweizer Schülerinnen und Schüler auch keine besseren Resultate am PISA-Test erzielen werden, wenn die Lehrpersonen Leistungsboni bekommen.


Seit Tagen habe ich einen Blogpost im Kopf, den ich gerne mit euch teilen möchte. Die aktuellen Ergebnisse des PISA-Tests sowie der darauf folgende Bericht der Gratiszeitschrift 20Min “Boni für Lehrer sollen Schüler-Noten verbessern”, bieten nun die optimale Basis dazu. Vielen Dank also an Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der PISA Studie, welcher in einem ausführlichen Interview im Übrigen die im folgenden Text von mir aufgeworfenen Punkte weitgehend unterstreicht.


Liest man den Artikel von 20Min, so bekommt man sehr schnell einen Eindruck davon, welche Vorstellung von Lernen in unserer Gesellschaft noch breit vorhanden ist. Man geht davon aus, dass Lernerfolg messbar ist, dass Lehrpersonen verantwortlich sind für den individuellen Lernfortschritt und dass man vor Allem eins sollte: Möglichst viel Lernen unter entsprechendem Druck. In der Auseinandersetzung des Tages Anzeiger mit den PISA-Resultaten kommt auch der Schweizer Lehrerverband LCH zu Wort, der die Antworten für den “desolaten” Zustand gefunden haben will: „Vor allem drei Gründe haben laut Verband zur 'desolaten Situation' geführt: die Umstellung des Prüfungsmodus von Papier auf Computer, die Änderung der Stichprobe und die Änderung der Skalierung. Der Umgang der OECD mit kritischen Fragen zur Methodologie des Tests sei 'ärgerlich und unprofessionell', teilte der LCH mit.“ Man reicht also die Verantwortung gerne wieder zurück, eine Verhaltensweise, die in unserer Schulzeit wurzelt. Dabei sollten wir uns wirklich tiefgehend mit den aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt und der (ausbleibenden) Reaktion unserer Schulen darauf auseinandersetzen.


Zu Beginn möchte ich Ihnen die Erkenntnisse Dr. Peter Grays etwas näher Bringen. Gray ist Psychologe und Bildungsforscher. Er hat sechs Bedingungen herausgeschält, unter denen erfolgreich gelernt werden kann. Leider ist kaum eine dieser Voraussetzungen an unseren Schulen vorzufinden:


  1. Das klare Verständnis, dass sich zu bilden die Verantwortung der Lernenden ist und nicht die der Lehrenden

  2. Unlimitierte Möglichkeiten zu spielen, zu erkunden und den eigenen Interessen nachzugehen

  3. Die Möglichkeit, mit den Werkzeugen der Kultur zu spielen

  4. Eine Vielzahl sich kümmernder Erwachsener, die Helfer sind und keine Richter, die die Lernenden fortlaufend bewerten.

  5. Komplette Altersdurchmischung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

  6. Ein stabiles, moralisch intaktes und demokratisch organisiertes Umfeld als Community


Es wird unmittelbar ersichtlich, dass insbesondere die erste Bedingung jeglichen Annahmen unserer Landesmedien widerspricht. Wir gehen heute immer noch davon aus, dass Lehrpersonen liefern müssen und dass es Fachbereiche gibt, die einfach wichtig sind und die man linear vermitteln muss. Aus dieser Vorstellung resultieren unser Fächerkanon, das Abhängen oder Unterfordern zahlreicher SchülerInnen, Benotung und einhergehende Abwertung, damit verbundene Scham und daraus resultierendes Suchtverhalten sowie soziale Abwertung und Mobbing. Mit der vorgefundenen Realität in unseren Schulzimmern hat das allerdings wenig zu tun oder unglaublich viel, wenn man die negativen Konsequenzen betrachtet.


Ich habe in meiner Funktion als PICTS (Pädagogischer ICT Support) einen breiten Einblick in verschiedene Schulzimmer und kann bestätigen, dass wir uns in einem fragwürdigen Zustand bewegen, unabhängig von der Schuleinheit, in der ich derzeit angestellt bin. Die von mir im Folgenden beschriebenen Erfahrungen, habe ich bislang an jeder Schule gemacht, in der ich tätig war.


Kürzlich wurde ich also von einem Kollegen der Mittelstufe (den ich im übrigen sehr gut mag und als ausserordentlich bemüht und innovativ einschätze) angefragt, ob ich in seiner Klasse eine Unterrichtseinheit zum Thema Cybermobbing umsetzen könne. Der Begriff Cybermobbing umreisst weitestgehend Beleidigungen und Abwertung einzelner Personen auf digitalen Kommunikationskanälen. Die Mobbing-Problematik weitet sich also durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten so aus, dass sie noch invasiver sind, die Betroffenen also potenziell bis ins Schlafzimmer begleiten.


Ich wurde also gebeten, einen Input dazu zu machen, was die geltenden Gesetze und möglichen Konsequenzen im Zusammenhang mit Beleidigungen auf Internet-Plattformen sind. Da ich die Problematik tiefer vermutete, als das Unwissen der Kinder über Do’s und Dont’s im Internet, sprach ich mit den jungen Menschen über soziales Miteinander. Zu Beginn der Doppellektion bat ich die Schüler und Schülerinnen, in einer Check-In-Runde zu benennen, weshalb sie hier sind und was sie sich von den kommenden Lektionen erhoffen. Jede und Jeder Einzelne brachte sodann eine andere Version davon, dass sie eben hier sein müssten. So meinte jemand: “Ich bin hier, weil das Wochenende vorbei ist.”, und jemand anderes: “Ich bin hier, weil ich sonst bestraft werde.” Eine dritte Person sagte: “Ich bin hier, weil meine Eltern sagen, dass ich hier sein muss!” und alle waren sich einig: “Wir hoffen, dass die kommenden Stunden mit Ihnen spannend werden!” - Ich gab den Kindern Raum und anerkannte die vorherrschende Unlust. Dann sagte ich: “...und letztendlich sind wir uns alle einig: Wir hoffen auf zwei spannende Lektionen zusammen, also lassen wir sie spannend werden!” Die Aufmerksamkeit stieg an und wir sprachen darüber, ob die Kids auch schon einmal Streit erlebt hätten. Viele meldeten sich und auch ich und mein Kollege erzählten aus unserem Leben. Dabei konstruierte ich an der Wandtafel das Drama-Dreieck. Währenddessen fiel zwei Meter neben mir immer wieder derselbe Junge von seinem Hocker. Als ich ihn beim dritten Mal freundlich darum bat, damit aufzuhören, erzählte er mir, dass seine Banknachbarin ihm den Stuhl unter dem Hintern wegziehen würde. Ganz allgemein fiel die Aufmerksamkeit stark ab und ich gewährte den Kids eine Pause. Etwa fünf Minuten später kam ein Junge polnischer Herkunft auf mich zu und fragte mich, weshalb auf der Anweisungstafel für den Fall eines Brandes stünde, dass man die Türen schliessen solle. Diese seien doch aus Holz, das nütze doch nichts. Im gleichen Moment drehte er sich um, weil er seine eigene Frage als nicht so wichtig einschätzte. Ich antwortete ihm jedoch mit grossem Interesse und startete ein kleines Gespräch dazu. Dabei merkte ich, dass der junge Mann sehr wissbegierig ist. Hinter unserem Rücken weinte auf einmal ein anderer Junge. Die anderen seien auf dem Sofa auf seinen Kopf gesprungen. Es tat ihm weh. Verschiedene Kinder zeigten aufeinander und unterstellten sich Lügen und bewusstes Handeln. Ich entschärfte die Situation und nutzte sie direkt, um mit der ganzen Klasse weiter das Drama-Dreieck verständlich zu machen. Die Rückfragen der Kinder zeigen mir, dass ich mein Ziel erreicht hatte, die Meisten hatten es verstanden. Am Schluss meiner Sequenz forderte ich die Klasse auf, sich hinzusetzten und 15 Minuten lang auf ein Blatt Papier zu schreiben, was sie an sich selber schätzen und wieso sie gut sind, so wie sie sind. Denn wenn man aus dem Drama aussteigen will, muss man bei der Selbstwertschätzung beginnen. Währenddessen beobachtete ich mit meinem Kollegen die Situation. Wir bemerkten, dass es Schüler gab, die gar nichts schrieben und andere, die sofort starteten. Dabei vermuteten wir, dass man daraus Rückschlüsse zum jeweiligen Selbstwert ziehen könnte. Der polnische Junge hingegen fiel sofort auf: Er sass alleine auf dem Sofa und hatte kein Schreibzeug bei sich. Ich setzte mich zu ihm und bemerkte: “Puh, jetzt muss ich auch mal chillen!” Darauf erwiderte er in gebrochenem Deutsch: “Heute ist eben mein Sofa Tag, heute darf ich bestimmen, wer aufs Sofa darf - Aber ich lasse auch andere…” Ich richtete mich wieder etwas auf und bat um Erlaubnis. Ich durfte. Etwa eine Minute verging, bis er anfing, mir von seinen Stärken zu erzählen. “Wissen Sie”, meinte er, “Ich kann gut Tiere erkennen, aber nicht auf Deutsch!” Darauf erzählte er mir vom Megalodon, der schon lange ausgestorben sei und weshalb es unwahrscheinlich ist, dass dieser Riesenhai noch irgendwo in der Tiefe des Meeres leben würde. Seine Nahrung, also die Tiere in seiner Nahrungskette, seien eben aufgrund der steigenden Wassertemperatur über die Jahre ausgestorben…


Dieser junge Mensch hatte ein ausgeprägtes Verständnis für komplexe systemische Zusammenhänge. Ein potenzieller Meeresbiologe also, der vielleicht einmal einen Beitrag leisten wird zum Erhalt unserer Artenvielfalt und des damit verbundenen Ökosystems. Dazu müsste man ihn aber seine Passion erkunden lassen und dabei, da bin ich überzeugt, entwickelten sich auch auf eine behutsame Art seine Deutschkenntnisse, die er selbstorganisiert schleifen könnte. Die Fremdsteuerung unseres Schulsystems jedoch lässt ihn glauben, dass er kein Deutsch könne und auch sonst kaum etwas wert sei: Eine unglaubliche Potenzialverschwendung.


Zwar handelt es sich beim menschlichen Lernen um einen hochgradig komplexen Vorgang, dennoch gehen wir damit um, als wäre es linear steuerbar. So haben wir mittlerweile einen bürokratischen Apparat geschaffen, der versucht, die durch Fremdsteuerung der Lernprozesse hervorgerufenen Defizite durch integrative Förderung von Heilpädagogen auszuebnen. Ein System, das versucht ein Symptom nach dem anderen reflexartig zu bekämpfen und dabei selber hyperaktiv geworden ist. Ein System, das von seinen Partizipanten und Partizipantinnen kaum mehr ausgehalten wird. Lehrpersonen arbeiten oftmals Überstunden und sollen nun durch finanzielle Anreize leistungsfähiger gemacht werden, damit die Noten der einzelnen sich verbessern. Ich hoffe mein Artikel macht sichtbar, dass dies ein sinnloses Unterfangen ist.


Schulleiter Jörg Berger hat kürzlich auf LinkedIn gepostet. Sein Zitat als runden Abschluss:


“Wandel der Schule im digitalen Zeitalter”


Meine Statements an der didacta DIGITAL Swiss

  • Es braucht Kompetenzüberschreitung statt auf Genehmigung zu warten - wir haben nicht die Zeit bis von oben etwas kommt

  • Lebenslanges Lernen von Lehrerinnen und Lehrern ist Voraussetzung und nicht verhandelbar

  • Schulentwicklung gelingt mit motivierten Mitarbeitenden, benötigt Zeit und den Einbezug von allen Betroffenen: Lehrerinnen und Lehrern und selbstverständlich den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern

  • Unsere gesamte Energie und Aufmerksamkeit soll sich auf das Lernen ausrichten

  • Lernen heisst Erfahrung, alles andere ist Information

More learning, less teaching!

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