Welche Begleitung braucht kindgerechtes Lernen?

Aktualisiert: März 30

Der nachfolgende Blog wurde ursprünglich unter dem Titel "8 Minuten für selbstorganisiertes Lernen: Der Lehrerberuf verschwindet" veröffentlicht und hat viel ausgelöst. Er geht jedoch viel tiefer als der zunächst etwas polemisch ausgefallene Titel, weshalb ich dies nun veränderte, um ihn mehr Menschen zugänglich zu machen. Mit eingebettet in den Blog habe ich auch die erhaltene Kritik, welche ich in Form eines offenen Dialogs unten angefügt habe. Die Idee ist, dass wir diesen weiterführen und die heilige Kuh in Frage stellen.


Denn eins ist für uns sicher: "Our only dogma is the rejection of dogma!" Nun zum Thema:


Gerade habe ich von einer Lehrerkollegin, die derzeit ihr Studium an einer Pädagogischen Hochschule abschliesst, deren Lektionsplanung erhalten. Voller Freude verkundete sie mir, dass sie dem selbstorganisierten Lernen in ihrer Lektion Raum gegeben habe. Nicht sonderlich erstaunt stelle ich fest, dass das Planungsformular sich im Vergleich zu meiner Zeit an der PH NICHT verändert hat. Weiterhin wird minutiös geplant, wie wir die Klasse während 45 Minuten optimal fremdsteuern...


Die Lehrerin jedoch hat hochgradig wegweisende Gedanken und würde der Klasse einen Rahmen bieten, in dem sich die Kinder entfalten könnten, wenn man sie denn liesse.


Ein Blick auf die Unterrichtsplanung allerdings zeigt, dass es in der Lehrerausbildung derzeit kaum Raum für selbstorganisiertes Lernen gibt und wir von selbstbestimmten Sequenzen noch meilenweit entfernt sind:

Wie in der Ausbildung, so in zahlreichen Schulen:


Die nachfolgende Grafik von Rahel Tschopp, welche ich mit den drei Bereichen und deren Beschriftungen (rot, orange und grün) ergänzt habe, ist die eigentliche Inspiration für diesen Artikel:

Darin ist zu erkennen, welche Phasen der Selbstorganisation im Lernen es bis hin zur Selbstbestimmung gibt. Letztere wird beispielsweise an der Villa Monte, der Schule meiner Kinder gelebt und eine Kombination aus Orange und Grün wird es am Lernhaus Sole geben. Dabei gilt es zu beachten, dass zwischen Zeilen und Spalten oftmals hin und her gesprungen wird. Man bewegt sich nie NUR strikt in einem Bereich.


Meine Beobachtungen während der vergangenen acht Jahre an der Volksschule haben mir jedoch gezeigt, dass es diese kaum schafft, sich ausserhalb der roten Zone zu bewegen. Zu gross ist die Angst vor Kontrollverlust und der Wunsch nach anschlussfähigen Lösungen, die kaum bis gar nicht irritieren und somit nicht für Konfliktpotenzial mit Elternschaft und steuernden Instanzen sorgen.


Alain Veuve hat in seinem Artikel über perpetuelle Disruption, wie sie auch unser Schulsystem trifft, vorzüglich beschrieben, was mit Systemen passiert, die sich nicht dem Tempo exponentieller Veränderung anpassen. Seine Grafik habe ich genommen und ergänzt, um zu visualisieren, wo wir in der Volksschule gerade stehen:

Um die obenstehende Grafik zu verstehen, empfiehlt sich die Lektüre des Artikels von Alain Veuve. Kurz: Die Kurve in der Mitte zeigt den exponentiellen Wandel unserer Gesellschaft auf einer Zeit- (x-Achse) und Veränderungsachse (y). Die mittlere Grafik suggeriert, dass die Volksschule veränderungstechnisch weit zurückgeblieben ist und nun eine hohe Disruptionsschuld aufweist.

Die disruptionale Tiefe ist inzwischen so gross geworden, dass alle Lösungen, die wir im heutigen System als anschlussfähig erachten, es nicht mehr sind.

Anschlussfähigkeit kann nämlich aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Nehmen wir einen anachronistischen Blick ein und betrachten die notwendigen pädagogischen Voraussetzungen aus den Augen agiler Unternehmensführung in Zeiten perpetueller Disruption, dann müssten wir bereits vor Jahren im Bereich orange und grün angekommen sein. Zwei Lektionen "freie Tätigkeit" pro Woche greifen da schlicht zu wenig tief.


Das Problem, welches ich in meiner achtjährigen Tätigkeit für die Volksschule beobachtet habe: Wir sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, gewissermassen handlungsstarr geworden. Durch die Monopolstellung und die damit verbundene "one size fits all" Lösung stossen Veränderungsbemühungen schnell an. Ausserdem wirken sich die hierarchischen Strukturen fraktal auf das ganze Kollegium aus. Zugeschüttet von Bürokratie und fremdbestimmten Zielen bleibt dann kaum Zeit für das schaffen von Räumen, in denen man zukunftskompetent werden kann...


Meine Handlungsempfehlung dazu ist im dritten Feld zu finden, denn Kevin Kelly vom WIRED Magazine hat einst gesagt:

"Es ist das Wesen von Innovationen, dass sie in den Randbereichen entstehen, von wo aus sie sich weit genug verbreiten und ihren Nutzen beweisen können, ohne sich von der Trägheit des orthodoxen Systems verdrängen zu lassen."

Was wir nämlich heute an Fachwissen zu vermitteln versuchen, ist bereits didaktisch hochwertig aufpoliert in unterschiedlichen LMS (Learning Management Systems) online zu finden. Die Lernenden können hier gemäss “Selbstorganisiertem Lernen 2” ihre eigenen Wege gehen. Das Programm führt sie hindurch. Heute wird dies leider noch immer weitestgehend von Lehrpersonen gesteuert und damit viel Zeit verloren, denn: 90% der heutigen Schulzeit sollten mit selbstbestimmtem Lernen (grüner Bereich) verbracht werden. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass das Lernen zumeist problemorientiert stattfindet. Verschiedene Lernende unterschiedlichen Alters mit unterschiedlichen Kompetenzen kommen zusammen, um gemeinsam Lösungen für Probleme oder Herausforderungen zu finden, die sie selber definieren. Dabei entsteht das heute so oft benannte und breitflächig gefragte 4K Kompetenzsspektrum.


Mehr dazu hört ihr im Schulwandel Podcast vom 14.03.21:

Der Lehrerberuf, so wie wir ihn kennen, löst sich nun rasant auf... Und natürlich braucht es weiterhin erwachsene LernbegleiterInnen, aber nicht mehr solche, die minutiös Unterricht vorbereiten. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen: Disruptiert euch!


denn: "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!"


Hierzu eine Buchempfehlung für euch, um ins Handeln zu kommen:

https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/ID104264768.html


Oder hier liest du, wie ich das konkret in der Volksschule umgesetzt habe: https://www.nilslandolt.ch/post/mach-s-einfach-und-sprich-dar%C3%BCber


...Mach's einfach... und sprich darüber!


Dieser Artikel hat viel ausgelöst. Nachfolgend einige Reaktionen und Kritik, die ich dafür erhalten habe. Sie soll hier im Sinne eines konstruktiven Dialogs gesammelt werden:


Starten wir mit etwas Lob...


"Vielen Dank Nils Landolt für diese ganz exzellente Aufarbeitung! Er bringt die Dysfunktionalität auf den Punkt und zeigt, wie es funktional wird!", Dr. Christoph Schmitt


...und gehen über zum Feedback eines sehr wegweisenden Schulleiters, der an seiner Schule herauskitzelt, was geht:


"Lieber Nils Landolt Spannender Blog - aus meiner Sicht aber eine sehr starke Verallgemeinerung „DER“ Volksschule. Gerade im weiten und heterogenen Feld der öffentlichen Schulen findet vieles schon statt, was du in Rahels Grafik in die orangen und grünen Bereiche einteilst. Auch wird an den PHs - beispielsweise mit dem LUKAS-Modell - schon einiges in diese Richtung geleistet. Kompetente Lehrpersonen und „guter“ Unterricht sind sich dem Spektrum an Unterrichtsöffnungen bewusst und schaffen dort Freiheiten, wo es möglich ist. Die reine Selbsorganisation kenne ich aus meinen gegenwärtigen und vergangenen beruflichen Tätigkeiten als Lehrperson, Schulleiter, Hochbauzeichner und Filmschaffender nicht - auch hätte ich ohne „fremdbestimmte“ Augenöffner das eine oder andere Talent und Interesse gar nicht entdeckt. Gleiches gilt für mein Familienleben. In diesem Sinne glaube ich, dass doch viele Schulen und Lehrpersonen im öffentlichen Bereich sehr wohl einen zukunftsfähigen, reflektierten und wertvollen Unterricht leben.", Daniel Jeseneg


Meine Antwort darauf auf Linkedin;


"Lieber Daniel, liebe Marion, die Ausnahme bestätigt die Regel. Ich schreibe von meinem Erleben während der vergangenen 8 Jahre an der Volksschule. Was du (Daniel) zur Arbeitswelt sagst, stimmt! Aber: Wir werden in den kommenden Jahren da eine massive Veränderung erleben. Peter Kruse macht in diesem Video ein hervorragendes Statement über unsere Intuition:"

Dazwischen flatterten ein paar bestätigende Mails und private Nachrichten aus der Bubble herein, die mich sehr freuten. Die schönste Kritik alllerdings folgte von meiner zukunftigen Stufenpartnerin, die zusammen mit meiner Frau und mir im Sommer das Lernhaus Sole eröffnet:


"Lieber Nils Vielen Dank für deine inspirierenden und sehr gut strukturierten (!) Beiträge… Gerne will ich versuchen, den Faden weiterzuspinnen und ein paar Widersprüchlichkeiten vom nächsten Level zu formulieren, an denen wir wachsen können. Ganz gemäss deines kürzlichen Kommentars:

"Neue Ordnungsmuster entstehen in der Natur immer nur aus Widerspruch und nicht aus Harmonie…" Das wird zwar kein Beitrag in WC-Länge, respektive Kürze, aber es ist zu wichtig, um es zu lassen.


Ich fange mal bei meinem ursprünglichen Ausgangspunkt an…


These: Wenn wir den Kids Lernen im orangen und grünen Bereich ermöglichen, lernen sie automatisch intrinsisch motiviert und entfalten dadurch ihr Potenzial.


Erfahrung im Arbeitsalltag an der freien Schule: Die Kinder lernen die Dinge, die sie lernen, intrinsisch motiviert. Es führt in dem Rahmen allerdings nicht unbedingt zu mehr Potenzialentfaltung. Warum? Dazu muss ich etwas ausholen.


Wie du immer so schön darlegst, ist es für die Jobs von morgen, die es heute noch gar nicht gibt, extrem wichtig, echte Kompetenz aufzubauen, was entgegen dem stupiden, fremdgesteuerten "Lernen" im Sinne von einfachem Abarbeiten steht. Durch die Digitalisierung kann sich die Welt bei der Lösung unserer Probleme zusammenschliessen. Es führt aber auch dazu, dass sich Unternehmen nun nicht mehr nur lokal behaupten müssen, sondern global. Schnelllebig, vernetzt und komplex wie alles ist, reicht es da nicht mehr, sich an der Oberfläche der Dinge aufzuhalten. Um tiefer gehen zu können und Lösungen für komplexe Probleme zu finden, muss man eine extrem gute Konzentrationsfähigkeit entwickeln (vgl. Buch "Deep Work" von Cal Newport). Denn:


Für die Lösung unserer Probleme braucht es Innovationen (das muss ich dir ja nicht sagen…). Und diese werden, ich zitiere Newport "fast immer in der Menge der möglichen Nachbarn entdeckt". Es geht also darum, in der Nähe des aktuellen Standes eines Gebietes die nächsten Schritte zu gehen. Das Neue daran ist meist nur die Kombination aus etwas Altem. Sich aber nur schon in den aktuellen Stand eines Fachgebiets einzuarbeiten, ist eine komplexe Angelegenheit, die viele Jahre in Anspruch nehmen kann. Entsprechend muss man Deep Work betreiben… Und zwar durch:


- Flow (entsprechend genügend gefordert sein)

- Phasen der absoluten Ungestörtheit über mehrere Stunden, um sich richtig in ein Thema reindenken zu können


Als Innovationskatalysator braucht es dann noch:


- Fenster der Vernetzung und des Austauschs, da eine neue Idee nur etwas bringt, wenn sie von mehreren Menschen aufgegriffen wird


Cal Newport hat noch ein anderes Buch geschrieben, was mir extrem die Augen geöffnet hat. Es heisst "Die Traumjoblüge – Warum Leidenschaft die Karriere killt". Provokant, ich weiss, darum sofort bei Erscheinung gelesen. :-)


Newport erkennt das Problem unserer Generation (und wahrscheinlich auch noch der künftigen) beim Berufseinstieg, dass wir bei dem Anspruch, unserer Leidenschaft zu folgen, meist sehr lange auf dem Holzweg sind. Denn auf die Frage "Was ist wirklich meine wahre Leidenschaft?" gibt es nie eine eindeutige Antwort, da ja alles im Wandel ist, auch man selbst. Er beschreibt, dass es nicht eine fixe vorgegebene Leidenschaft zu finden gilt, sondern eine grobe Richtung bei der Berufswahl genügt und sich die Leidenschaft dann durch die eigene Leistung einstellt. Untersuchungen zeigen, dass unterschiedliche Gründe für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz (genauso wie in der Schule) gibt, aber eine im Vorfeld erkannte Leidenschaft nicht dazu gehört. Viel mehr sind die Elemente der Self-Determination Theorie wichtig, die da wären:


- Autonomie

- Kompetenz

- Zugehörigkeit


Man sollte sich also nicht fragen, was die Welt einem bieten kann, sondern was man selbst der Welt bieten kann. Und sich dann auf den Weg machen und sich reinknien. Denn eigene Leistung führt zu Wachstum und DAS ist es, was glücklich macht (es geht dabei natürlich um die eigene echt erlebte Leistung und nicht nur durch einen möglichlicherweise von aussen erlebten Zwang unserer Gesellschaft).


Je komplexer die Probleme in der Welt sind, umso mehr sind entsprechende Fähigkeiten gefragt. Diese Fähigkeiten sind selten, da nicht so einfach zu erwerben und damit wertvoll (führt also auch zu guter Entlöhnung, Anerkennung und mehr Freiheiten im Berufsleben).


Verfügen wir über solche Fähigkeiten und Kontakte, die uns für die Welt wertvoll machen, verfügen wir über sogenanntes "Karrierekapital". Dieses Karrierekapital können wir einlösen für Elemente eines Traumjobs. Diese Elemente sind:


- Kreativität

- Einfluss

- Selbstbestimmung (und das ist das wichtigste von allen!)


Es ist allerdings nicht möglich, ohne vorhandenes Karrierekapital nachhaltig zu diesen Elementen zu kommen. Klassiker unserer Zeit: Ein junger Erwachsener hat keine Lust auf Studium oder normale Arbeitswelt, wirft alles hin und versucht selber etwas aufzubauen. Solange er keine Expertise oder eben Karrierekapital in diesem Bereich hat oder auf dem wahrscheinlich langen Weg erwirbt, wird das Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt sein. Damit also die Kinder und Jugendlichen zu jungen Erwachsenen werden, die sich insgesamt glücklich, sinnvoll und erfolgreich in die Welt einbringen, ist es extrem wichtig, dass sie sich solches Karrierekapital aufbauen. Und das sollte durchaus schon in der Schulzeit geschehen. Daher sind wir ja inzwischen bei der Kompetenzorientierung angelangt entgegen der reinen Wissensvermittlung…


Um sich solch Fähigkeiten oder Karrierekapital aufbauen zu können, ist eins unabdingbar und das ist Deliberate Practice. Zu Deutsch "leistungsorientierte Lerntechnik".


Diese zeichnet sich durch Konzentration auf die nächste Herausforderung aus und durch unmittelbares Feedback (durch sich selbst, durch technische Tools oder durch andere). Sich Fachliteratur zu Gemüte zu führen ist auch nicht unerheblich.


Es heisst, um etwas richtig gut zu können, sind gut 10'000 Stunden/10 Jahre von dieser Art des Lernens nötig. Diese Art des Lernens ist zwar nicht immer angenehm, aber durchaus erfüllend… Gerne möchte ich an dem Punkt auch noch auf den Marshmallow-Test verweisen, den du aber sicherlich schon kennst. Einfachheits- und vollständigkeitshalber zitiere ich von der Seite https://lexikon.stangl.eu/3697/marshmallow-test:


"Der Marshmallow-Test gehört zu den bekanntesten Experimenten der Psychologie. Mischel et al. (1989) boten in den Jahren 1968 bis 1974 vierjährigen Kindern Süßigkeiten an und stellten sie vor die Wahl, entweder die Süßigkeit sofort zu essen oder später eine zweite zu bekommen, wenn sie der Versuchung widerstehen können und auf den sofortigen Genuss verzichten. Dieser Belohnungsaufschub gelang einigen Kindern, anderen hingegen nicht, d.h., sie unterschieden sich hinsichtlich der Belohnungs- und Bedürfnisaufschubs (delay of gratification). Mischels Test zeigt die Bedeutung der Impulskontrolle und des Aufschieben-Könnens von Selbstbelohnungen für akademischen, emotionalen und sozialen Erfolg. Damit wird die Fähigkeit beschrieben, kurzfristig auf etwas Verlockendes für die Erreichung langfristiger Ziele zu verzichten. Ergebnisse des Experiments sagen diese Fähigkeit eines Menschen recht gut voraus. (Stangl, 2021)."


Und da wären wir jetzt bei meinem aktuellen Stand.


Ich greife meine obigen Zeilen zum Alltag in der freien Schule noch einmal auf:


Die Kinder lernen die Dinge, die sie lernen, intrinsisch motiviert. Es führt in dem Rahmen allerdings nicht unbedingt zu mehr Potenzialentfaltung. Warum?


Weil…


- So gut wie keine Deliberate Practice stattfindet. Die freie Schule ist zwar ein entspanntes Umfeld mit vielen inspirierenden Lernangeboten, es wird sich aber beim Lernen selten auf eine nächste Herausforderung konzentriert. Es wird eher oberflächlich von Bereich zu Bereich gehüpft und sobald es schwierig wird, macht man etwas anderes. Dabei wird durchaus auch gelernt, aber eben nicht so, wie es in der heutigen Welt notwendig ist (zumindest, wenn man sich entsprechend sinnvoll, glücklich und erfolgreich in die Welt einbringen möchte).


- Unmittelbares Feedback findet noch viel weniger statt, da man schwer bemüht ist, nicht "zu werten". Das wird aber ad absurdum geführt, bis man irgendwann am Endpunkt landet, wo man das Werten selbst als etwas Negatives werten muss, weil sonst die restliche Überzeugung in sich zusammenbricht. Das ganze Bemühen um nicht werten führt zu Orientierungslosigkeit bei den Kindern bzw. eine heile Welt in der freien Schule, in der aber unterschwellig viel Angst vor "der Welt da draussen" und die Zukunft der Kinder herrscht.


- Die Kinder sind sich ein Ausmass an Autonomie vor entsprechender Aneignung der dazugehörigen Fähigkeiten gewohnt. Ist aus meiner Sicht die falsche Reihenfolge und sollte mehr Hand in Hand gehen. Siehe Marshmallow-Test…


- Die Autonomie aller Beteiligter ist dafür durch ein organisch gewachsenes, informelles Regelwerk und Normen eingeschränkt, welche den länger Beteiligten nicht bewusst sind. Erkenntnis: Ohne Regeln geht es nicht, aber durch den Deckmantel der Freiheit stellt man kaum klare "offizielle" Regelungen wie beispielsweise ein demokratisches System auf.


- Durch diese Art von Regelung ist der Alltag in gewissen Dingen gar nicht so weit vom herkömmlichen Unterricht entfernt. Oft wissen die Kinder und wir Erwachsene nicht, was die Kids eigentlich noch dürfen und was nicht. Aber ständig muss geschaut werden, dass Kinder, denen langweilig ist, nicht anfangen andere zu stören… Dass die Kinder all die Sachen auch wieder wegräumen, die sie gebraucht haben. Dass sie sich nicht auf destruktive Art und Weise beschäftigen… Die Erwachsenen sind dabei zwar sehr liebevoll, aber sie sind nach wie vor in der Rolle der relativ spät reagierenden Polizisten, wenn auch sehr gut getarnt (Langfristig einfacher wäre eine Art von Disziplin, wie man sie bei Montessori findet, früh anzugewöhnen, so dass die Kinder danach tatsächlich autonom handeln können).


- Entsprechend findet auch verhältnismässig wenig Deep Work im Sinne von diesen Phasen der absoluten Ungestörtheit über mehrere Stunden statt. Es gibt für die Kinder viel zu viele innere und äussere Ablenkungsfaktoren…


- Dazu gibt es auch recht wenig Fenster der Vernetzung des Austauschs über neue Erkenntnisse, was für die Innovation so wichtig ist. Die Kinder können sich potenziell zusammenfinden und bringen sich durchaus gegenseitig gewisse Dinge bei. Durch die Einschränkung von Deep Work und Deliberate Practice findet das aber auch eher auf beschränktem Niveau statt. Situationen in der gesamten Gemeinschaft gibt es ausser beim Essen und bei einzelnen Sportsequenzen eigentlich nicht. Selbst beim einem sporadischen Morgenkreis sind nicht alle dabei, weil manche Kinder nicht so viel Impulskontrolle aufbringen können und man sie ja zu nichts zwingen will.


All diese Punkte möchte ich nicht als Kritik an freie Schulen stehen lassen, sondern als Möglichkeiten zur Weiterentwicklung für die gesamte Bildungslandschaft, wo freie Schulen bereits einen beträchtlichen Teil der Pioniersarbeit geleistet haben!


Mein Fazit:


Es macht keinen Sinn zurück in die Lehrerzentrierung zu gehen, bei der den Kindern in der Schule gut 10 Jahren ihres Lebens "gestohlen" werden, da sie zu wenig involviert sind.


Das Setting von selbstorganisertem bis selbstbestimmtem Lernen muss aber ebenso extrem gut durchdacht sein, damit dabei das herauskommt, was wir eigentlich wollen:


Intrinsisch motivierte Kinder, die tatsächlich ihr unglaubliches Potenzial entfalten und die Zukunft unserer menschlichen Welt sind.


Daher die Frage zum Mit- und Weiterdenken an alle: Wie genau organisieren wir dieses Setting, sei das am Lernhaus Sole oder an anderen Lernorten?


Ich freue mich, im Rahmen der Montessori-Ausbildung Biberkor bald bei der LIP-Schule reinzuschnuppern und entsprechend meine Sichtweise weiterzuentwickeln. Und dass wir gemeinsam auf dem Weg sind!", Yara Krättli


Darauf folgte ein Dialog mittels Sprachnachrichten in unserer Sole Whatsapp Gruppe. Die meiner Frau möchte ich nachfolgend noch verschriftlichen:


"Ich finde es u schön, dass du dir so viele Gedanken machst und so viel Zeit aufwendest, um Nils zu kontern. Und genau das brauchen wir: Nicht, dass wir uns gegenseitig Ja und Amen sagen, sondern dass wir uns gegenseitig herausfordern und somit weiterbringen. Andere Meinungen sind wichtig, um vorwärts zu kommen und das Beste herauszuholen. Ich stolpere über den Satz, dass wir Kinder wollen, die ihre Potenziale voll entfalten können... Das sei unser Ziel. Ich denke, die Schwierigkeit liegt darin, dass wir überhaupt Ziele haben für unsere Kinder. Sei das ein gut gemeintes Ziel, oder ein Ziel dass aus völliger Liebe kommt. Aber nur schon rein der Fakt, dass man ein Ziel für einen anderen Menschen hat, finde ich schwierig. Weil du kannst durchaus auch, indem du ein gut gemeintes Ziel hast für ein Kind, Dinge tun, die der Eigenart des Kindes widersprechen oder seine Integrität verletzten. Und mein Ziel für das Lernhaus Sole ist nicht, dass wir einen Ort schaffen, an dem wir möglichst glückliche Kinder haben, sonder einfach, dass wir einen Rahmen bieten, in dem Kinder sich sein dürfen/ Kind sein dürfen. Und wahrscheinlich ist es dieses Kind-sein, dass sie einfach oberflächlich mit Themen auseinandersetzen lässt. Dass sie wild umherspringen in dieser für sie neuen Welt und auf diese Weise alles ergreifen. Einen soliden Boden schaffen, auf dem sie dann in einem späteren Reifegrad zurückgreifen können und sich mit deep work und deliberate practice in die Gebiete einarbeiten, die sie spannend finden und die für sie wichtig sind...", Hanna Landolt


...und hier möchte ich den Multilog weiter öffnen... denn: Unser einziges Dogma ist die Zurückweisung von Dogmen. Ich freue mich auf DEINEN Input!

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