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  • Nils Landolt

Wie Neugier entsteht und wo sie endet

Aktualisiert: Jan 26

Es fühlt sich so an, als hätte ich ein lange gesuchtes, fehlendes Puzzleteil endlich gefunden: Die Audiolektüre von “Curious, the desire to know and why your future depends on it” von Ian Leslie, die mich derzeit auf meinem Arbeitsweg begleitet.


Das Buch dreht sich um das wertvollste Gut im Hinblick aufs Lernen, die Neugier. Sie ist es, die uns von unseren nächsten Verwandten, den Primaten, unterscheidet. Zwar teilen wir mit ihnen 99% unserer DNA, doch nebst den drei Grundantrieben: Nahrung, Fortpflanzung und Schutz, haben wir noch einen vierten: Die intellektuelle Neugier. Auch Schimpansen erkunden ihr Umfeld und möchten ins autonome Handeln kommen, sie fragen sich jedoch nicht: "wieso?" Wir Menschen gehen noch einen Schritt weiter: Während es einem Schimpansen zu wissen genügt, dass er sich aus einem Kühlschrank (im Forschungszentrum) etwas essbares nehmen kann, fragen wir uns beispielsweise, wie dieser funktioniert.


Das im Britischen Quartier Bloomsbury angesiedelte Babylab hat sich auf die Erforschung kleinkindlichen Verhaltens spezialisiert. Leslie beschreibt in einer Sequenz, wie die beiden Forscherinnen Gliga und Begus Kinder dabei beobachten, wie sie mit neuen Spielsachen spielen und dabei die Hirnströme messen. Die ungefähr sechs Monate alten Babies ergreifen sich also die Materialien und bekommen eine Erklärung dazu. Die Forscherinnen nehmen den Kindern die Spielzeuge dann weg und geben sie nach ungefähr 15 Minuten wieder zurück. Die vorgezeigten Bewegungen der Forscherinnen wurden von den Babies auf die Spielzeuge, für welche sie eingangs am meisten Interesse zeigten, viel genauer adaptiert als auf die restlichen. Dies zeigt, dass Neugier ein wesentlicher Beschleuniger für menschliches Lernen ist.


Unser Wissensdurst hilft uns, während der Kindheit bis zur Pubertät und hoffentlich auch darüber hinaus, unser Umfeld zu begreifen und so handlungs- und überlebensfähig zu werden. Diese Art von Neugier wird “Divergente Neugier” genannt. Sie charakterisiert sich durch unseren unbändigen Willen, unsere Umgebung zu verstehen. So zeigen bereits Babies auf Gegenstände bevor sie überhaupt plappern können. Der Wunsch dahinter: Meine Betreuungsperson soll mir erklären, worum es sich bei diesem Ding handelt. Leslie fragte darauf die Wissenschaftler, was denn passiere, wenn keine Reaktion auf das Zeigeverhalten der Kinder folge. “Dann hören sie auf zu zeigen.”, sagten die Forscherinnen. Während die Kinder aufwachsen, wandelt sich das Zeigen auf Dinge zu Was und Wo Fragen, die dann im Alter von ca. 3 Jahren zu Wie Fragen werden. Das Kind fragt ungefähr 30 Mal pro Stunde nach Erklärungen bezüglich der Funktion von Dingen. Der Harvard Pädagogikprofessor Paul Harris sagt, dass ein Kind im Alter zwischen 3 und 5 Jahren ungefähr 40’000 Erklärungsfragen stellt. Entsprechend sei Nachfragen und die inhärente Neugier ein unglaublich starker Antrieb für die kognitive Entwicklung.


Es ist also wesentlich, wie wir Erwachsenen Bezugspersonen mit dem enormen Schatz der kindlichen Neugier umgehen. Wissenschaftler des nationalen Instituts für “Child Health and Human Development in Maryland” haben kürzlich entdeckt, dass Babies, welche ihr Umfeld aktiv erkundeten, später viel eher akademischen Erfolg hatten. Die Elternhäuser spielen somit eine wesentliche Rolle in der kindlichen Entwicklung.


“Neugier ist Ungehorsamkeit in seiner reinsten Form.”, Vladimir Nabokov

Wer neugierig ist, sieht immer eine mögliche Lösung, fragt nach, möchte wissen, wie es sonst noch gehen könnte.


Im Umkehrschluss leidet die Neugier in einer Umgebung, die Gehorsam einfordert. Gehorsam wiederum ist eine wesentliche Voraussetzung für standardisierten Unterricht. Wenn wir also die Neugier und den Wissenshunger unserer Kinder erhalten wollen, kommen wir nicht darum herum, den Einheitskanon an Schulen zu verabschieden.


"Vor 150 Jahren war das modernste Muster einer Massenverwaltung die des Militärs. Deshalb trägt das Schulwesen bis heute paramilitärische Züge. Das Prinzip der Jahrgangs-Unterrichtung - ein militärisches Einberufungsprinzip. Das Portionieren der Übungen - 50 Minuten Lernen, 5 Minuten Pause - das Prinzip militärischen Exerzierens. Dass die Karrieren der Lehrer sich im Arrangement mit der Obrigkeit entscheiden - ein typisch militärisches Prinzip.", Kurt Scholz

Ein anderes Feld ist die Kapazität zu divergentem Denken, also die Fähigkeit in Problemsituationen viele verschiedene Lösungswege zu sehen. Betrachtet man sie, dann wird ersichtlich, dass diese gerade unter dem Schuleintritt und den dort vorgefundenen Umständen stark leidet. Folgende Grafik, die eine Studie aus dem Buch "Breakpoint and Beyond" von George Land und Beth Jarman illustriert, verdeutlicht dies:

1600 Kinder wurden getestet, wie ausgeprägt ihre Fähigkeit war, bei verschiedenen Problemstellungen eine Vielzahl möglicher Antworten zu erkennen. Überwältigende 98% der drei bis fünfjährigen erreichten das Level genial. Dieselbe Gruppe wurde nach Schuleintritt erneut getestet. Nun erreichten nur noch 32% den entsprechenden Level. Die Fähigkeit verkümmert zunehmend, bis im Erwachsenenalter dann lediglich 2% der Probanden den höchsten Level erreichen. Beim divergenten Denkvermögen handelt es sich nicht um Kreativität als solche, aber die Basis dazu.


In der Schule findet nun also nicht nur das ausgeprägte kindliche Frageverhalten kaum Rückkopplung, sondern durch den Auftrag der Lehrperson, ein bestimmtes Kompetenzspektrum vermitteln zu müssen und darüber Auskunft geben zu können, wird das hochgradig divergente Lernfeld immer mehr durch lineare Aufgaben und entsprechend eindeutige Antworten ersetzt. Individualisierung und Binnendifferenzierung findet nur statt, indem vielleicht verschiedene Materialien angeboten werden oder unterschiedlich schwierige Aufgabenstellungen. Auch die Menge an Aufgaben variiert teilweise oder das Kind wird integrativ gefördert. Nichts von dem wird jedoch der natürlichen menschlichen Neugier gerecht.


Letztere kann wieder geweckt werden, wenn man den Lernenden einen angstfreien Raum bietet, in dem sie wirklich wieder selber entscheiden dürfen, welcher nächste Schritt für ihr Lernen jetzt wichtig ist.


Dann kann es schon mal vorkommen, dass eine Gruppe von Schülern gemeinsam im “Englischunterricht” einen Film über Mobbing dreht, diesen aber zunächst auf Deutsch inszeniert und dann sukzessive übersetzt. Die Lehrperson kann in so einem Setting gut mal als Kameramann eingebunden werden und neben Englisch wird Filmen gelernt. Im nächsten Moment finden sich alle vor einem Bildschirm wieder und sichten das Material. Man versucht bestmögliche Szenenübergänge zu schaffen, während im Hintergrund eine Gruppe von Kindern tanzt und ein paar andere Schüler englische Texte über die Klimaerwärmung lesen und sich ihr eigenes Vokabular schreiben. Fächer verfliessen dann ineinander. Anstatt jetzt zu zeichnen, will man weiter an Englisch arbeiten und auch die Pause wird zum Teil fürs Arbeiten genutzt. Wenn man dann hingegen zu einem anderen Zeitpunkt Erholung braucht, spielt ein Teil der Klasse draussen Fussball, während andere drinnen programmieren. Auch Kollaboration findet vermehrt statt. Im linearen Unterricht habe ich schon selten einmal gesehen, dass mehrere Kinder gemeinsam und harmonisch ein Bild malen. Kürzlich taten dies drei Schüler und es entstand eine wunderschöne Aurora. Lernen kennt keine Grenzen: Das ist wirkliche Individualisierung, die dann wiederum kaum bewertet werden kann.


Bewertung hingegen vermag die Neugier zu ersticken und dem Kind vermitteln, dass es nicht gut (genug) ist, wenn es nicht zu den glücklichen gehört, die gerade Schritt halten können oder darüber hinaus schiessen. Ich hatte einmal ein Kind in einer Klasse, das jedes Mal bevor es etwas auf Englisch gesagt hatte vorschob: “Sie, aber ich kann kein Englisch!” es brauchte ein halbes Jahr reine positive Bestärkung, bis der Satz nicht mehr vorgeschoben und stattdessen etwas schüchternes aber wunderbares Englisch über die Lippen kam.


Natürlich rückt das Dilemma mit dem Zeugnis näher. Wenn Kinder auf ihrem Niveau arbeiten und dort auch numerisch bewertet werden, dann sind im Endeffekt eben alle wirklich gut. Ein Umstand, der sich nur schwer mit einem Selektionsauftrag vereinbaren lässt. Zynischerweise wird die Leistungsstruktur und eben diese Selektionshaltung dann in den Medien auch noch immer wieder mit bildungsfernen Milieus legitimiert, die scheinbar nicht mit freiem Lernen umgehen können, so heisst es. Doch gerade diese profitieren sehr von einem angstfreien Klima und einer Lehrperson, die unterstützt und nicht bewertet.


Gerade im Anbetracht der aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt ist es zentral, dass wir von einem Stufenmodell der Bildung, in dem viele Menschen quasi hängen bleiben (links) den Weg in eine durchlässige Alternative (rechts) finden, die das Potenzial eines jeden Menschen abholt, wie Zukunftsforscher Matthias Horx in seiner Präsentation schön illustriert:


Wenn wir von einer defizitorientierten Gesellschaft in eine Welt hineinwachsen wollen, die das Potenzial aller schätzt und komplementäre Lösungsfindung vorantreiben möchte, dann müssen wir in aller Deutlichkeit darüber nachdenken, was unser Lernen behindert und dann konsequent handeln. Oder anders ausgedrückt: Wir müssen den Mut haben, die Neugier und die Freude als Wegweiser hin zu sinnhaftem, erfolgreichem Lernen zu erkennen.


“Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.”, Albert Einstein
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