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  • Nils Landolt

Wie es sich anfühlt, verschult zu werden

Ich befinde mich aktuell in der glücklichen Position, selber Lernender sein zu dürfen in einer pädagogischen Institution. An der Pädagogischen Hochschule Zürich absolviere ich derzeit den Grundlagenkurs Medien und Informatik bei einer sehr sympathischen und hoch kompetenten Dozentin. Ich kann das gut beurteilen, da ich selber über eine langjährige IT Affinität verfüge und mir in dem Kontext zahlreiche Kompetenzen angeeignet habe. So viele, dass mir im aktuellen Unterrichtssetting an der Pädagogischen Hochschule nur sehr wenig neu vorkommt.


Der Unterricht ist vorbildlich aufgegleist. Vorne steht eine junge Frau mit solider Auftrittskompetenz, die anregende, didaktisch sauber aufbereitete Elemente der Informationstechnologie für alle verständlich vermittelt. Das Setting dient eben auch der Schärfung des eigenen didaktischen Verständnisses, welches man sodann auf den eigenen Unterricht anwenden kann. Wir lernen also beispielsweise gemeinsam, wie ein digitales Bild aufgebaut ist. Dabei erfährt man hautnah, was Bildauflösung bedeutet und welchen Einfluss eine niedrige Auflösung hat. Mit einem auf Scratch basierten Programm erstellen wir eigene Pixelbilder durch das codieren einzelner Bildpunkte und sogleich lernen wir, dass der Computer nur klare Befehle versteht und man ihm vorab mitteilen muss, in welchem Anwendungsbereich der programmierte Binärcode entschlüsselt werden soll. ASCII ist Thema, ein Standard, in dem viele Texte geschrieben werden und bei dessen “Umformulierung” in einen anderen Standard zum Teil auch Fehler passieren. Dann erhalten wir im Mail gewisse Umlaute in Form von Sonderzeichen oder umgekehrt. Die Funktionsweise eines Computers wird ersichtlich. Der Unterricht ist kurzatmig und durchsetzt von vielen Aktivitäten, die alleine oder in der Gruppe angegangen werden. Die individuelle Lernzeit ist sehr hoch und es lassen sich viele Erfahrungen machen. Eine hohe Unterrichtsqualität.


Für mich ist der Tag dennoch ermüdend. In meinem Kopf sind viele Dinge, die ich jetzt gerade lieber machen würde und die mir für mich auch nützlicher erscheinen. Dennoch bin ich hier, um ein Zertifikat zu erwerben und dazu gehört Präsenzzeit und letztendlich auch drei kleine Leistungsnachweise, die mehr oder weniger illustrieren, wie “man” Medien und Informatik Unterricht durchführt. Während dem Tag an der Hochschule fällt mir auf, dass vieles formalisiert ist. Präsentiert wird beispielsweise das sogenannte Dagstuhl Dreieck, welches informationstechnologische Lernprozesse aus drei Blickwinkeln betrachtet. So müssen wir immer wieder reflektieren, ob es sich im Prozess nun um die technologische (wie funktioniert das?), die anwendungsbezogene (wie nutze ich das?) oder die gesellschaftlich-kulturelle (wie wirkt das?) Perspektive handelt. Lernprozesse werden also wirklich auf mehrere Ebenen zerlegt und immer wieder kritisch aus verschiedenen Winkeln betrachtet. Dabei hat eigentlich ein spezifischer Teilbereich meine Aufmerksamkeit gewonnen: Mit einem online Tool haben wir die Funktionsweise von Suchmaschinen simuliert. Diese hat aufgezeigt, wie Texte indexiert werden und wie man die Parameter für die Rangierung von Suchergebnissen verändern kann. Anschliessend hatten wir 15 Minuten Zeit, um einen vorgegebenen Text so abzuändern, dass er in der Suche weiter oben erscheint. Das Grundprinzip von SEO (Suchmaschinenoptimierung) also. Da ich zurzeit viele Texte schreibe und auch daran interessiert bin, dass diese eine vorteilhafte Rangierung erhalten, hätte mich interessiert, dieses Tool gerade dazu zu nutzen, meine Texte spielerisch auf die Suche im Internet zu optimieren. Stattdessen erhalten wir eine nächste Aufgabe, die mich vollkommen aus dem aktuellen Gedankengang hinausreisst und ich muss mich innerlich restrukturieren. Ich muss mich nun wiederum darauf ausrichten, meinen Teil in der anstehenden Gruppenarbeit zu erledigen, kann mich nicht einfach ausklinken und weiterhin mein Ding machen. Hätte ich mich jedoch hier vertiefen können, wäre vielleicht wirklich ein nachhaltiger Lernprozess bei mir passiert. Stattdessen fühle ich mich genauso wie ein Schüler in meiner Klasse: Fremdgesteuert. Und das ist unglaublich anstrengend.


Am Schluss des Tages klatsche ich für unsere Dozentin, denn sie hat das wirklich gut gemacht. Dennoch fühle ich mich leer und etwas frustriert, dass ich diesen Tag so habe erleben müssen. Ich fühle mit meinen Schülerinnen und Schülern, deren eigentliche Bedürfnisse auch keinen Platz haben in der engen Tagesstruktur unserer Schulen und deren Lernprozesse immer wieder unterbrochen werden.


Gemäss meiner Freundin und Coach “Claudia Sieber Bethke” handelt es sich dabei um das Gefühl, sinnlos beschult und somit verschult zu werden. Inhalte mit nur wenig Relevanz für meine aktuellen Herausforderungen werden mit der Erwartung an mich herangetragen, dass ich mich damit auseinandersetze und später auch unter Beweis stelle, dass ich sie verstanden habe. So ergeht es zahlreichen Schülerinnen und Schülern, wenn sie nach einem langen Tag nach Hause kommen. Sie fühlen sich so wie ich nach der Weiterbildung: Unglaublich erschöpft. So erschöpft, dass ich, selbst wenn ich es gewollt hätte, nicht noch produktiv hätte sein können. Ich bin mit meinen drei Kindern um 20.00 eingeschlafen und habe so tief geschlummert, dass mich meine Frau nicht mehr wecken konnte. Den Schulkindern muten wir nach so einem Tag noch Hausaufgaben zu und wundern uns dann kollektiv, dass viele nicht mehr wissen, was sie danach noch hobbymässig tun sollen. Oder es vielleicht auch schlicht nicht mehr können…


Zwischen den verschiedenen Modulen der Ausbildung finden sogar Sequenzen zu Hause statt, in denen die Lernenden sich beispielsweise vorab in eine Theorie einlesen müssen, die dann im Präsenzmodul zur Anwendung kommt. Dieses Format nennt sich Flipped Classroom und ist momentan in aller Munde. Mich stört daran, dass die Lernenden nun noch mehr in die Verantwortung genommen werden, insbesondere in ihrer Freizeit, und sich Schlupflöcher schliessen. Gerade deswegen erzielen Schüler, welche an Schulen unterrichtet werden, die dieses Setting anwenden, “bessere” Resultate. Dass es sich bei diesen Resultaten aber meist nur um sichtbar gemachte Erwartungserfüllung handelt, wird verschwiegen. Diese gesteigerten Leistungsanforderungen bereiten die Lernenden meines Erachtens geradewegs auf das Burnout vor, respektive leiten sie darin hinein. Entsprechend häufen sich die Meldungen von überlaufenden Auffangstätten für psychisch überlastete Kinder und Jugendliche und auch bei Erwachsenen steigt die Burnout-Quote stetig an. Nassim Nicholas Taleb schreibt in seinem Buch “Antifragile” im Kapitel “Naives Intervenieren”: Schaden, der aufgrund einer Behandlung angerichtet wird und der den Nutzen übersteigt, lautet Iatrogenik – wörtlich: »vom Heiler verursacht«


Ich glaube, dass wir an unseren Schulen und Hochschulen iatrogen handeln. Nicht nur gibt es zahlreiche Kinder, die durch das didaktische Gängeln abhängen, wesentliches nicht verstehen und dann später durch Heilpädagogen aufgefangen werden müssen, es gibt auch solche, die in psychische Überforderung hineinlaufen. Und letztendlich zeigen sich die Auswirkungen unseres Handelns auf dem Pausenhof, wo Kinder gewaltsam aneinander geraten.


Interessanterweise gibt es zahlreiche Schulen, die sich gar nicht in die individuellen Lernprozesse einmischen. Wo die Kinder einfach das tun, was sie am meisten fasziniert. Meine Kinder besuchen eine solche Schule, die Villa Monte in Galgenen. Sie gibt es seit 32 Jahren und die Erfahrung ist, dass sich die Lernenden tatsächlich alles selber erschliessen, ohne didaktische Begleitung. Dass den individuellen Bedürfnissen hier Rechnung getragen wird, merkt man am besten, wenn man einen Tag vor Ort verbringt und die unglaublich entspannte Atmosphäre auf sich wirken lässt.


Oft höre ich von anderen Lehrern und Lehrerinnen, dass es unsere hehre Aufgabe sei, die Schülerinnen und Schüler zu inspirieren, ihnen neue, unbekannte Welten aufzuzeigen. Das ist bei mir an der PH tatsächlich auch passiert mit SEO, doch wenn wir unsere Lernenden in solch engen Strukturen halten, wecken wir zwar Interesse, ersticken es sogleich aber wieder in Struktur. Im Willen, die Situation zu kontrollieren und vordefinierte Lernziele abzuhaken.


Dann höre ich, dass es eben etwas dazwischen sein müsse: Eine Mischung aus Fremdsteuerung und der Möglichkeit, selber zu wählen. Ich denke, das funktioniert nicht, denn wir können nie alle abholen. Einige sind immer schon weit voraus und andere haben gar keinen Zugang, weil ihnen bereits dazu die Basis fehlt. Diese Basis entwickelt sich eben bei allen anders und bei einigen vielleicht gar nie. Denn nicht jeder ist ein Tänzer sowie auch nur einige IT Spezialisten sind. Es gibt Menschen, die lieben es, von vielem etwas zu wissen und das Ganze dann gemeinsam mit anderen kreativ zu vernetzen und es gibt solche, die sich richtig tief in ein Themengebiet einarbeiten, wiederum andere vernetzen gerne Menschen miteinander und tauschen sich aus. All diesen Faktoren wird in unserem aktuellen Bildungssystem kaum Rechnung getragen. Stattdessen versuchen wir immer noch für die breite Masse eine einheitlich definierte Grundbildung zu vermitteln.


Ich befürchte und sehe auch, dass wir in diesem Versuch leider viel Potenzial verschwenden und Menschen die Erfahrung machen, dass ein Themengebiet für sie entweder viel zu kompliziert ist oder unglaublich langweilig. Dabei könnte Lernen so spannend sein. Doch dazu müssen wir die Menschen auch lernen lassen. Dazu braucht es neue Strukturen, Lernwelten die erkundet werden dürfen und auch die Freiheit, sich einfach mal hinzulegen und zu meditieren, weil der Frontalkortex gerade überlastet ist, ohne dass wir uns dafür rechtfertigen müssen. Diese Möglichkeitsräume sind strukturelle Rahmenbedingungen, in denen Lernende von Menschen begleitet werden und sich manchmal auch gegenseitig begleiten. In diesen Rahmenbedingungen gibt es keinen klassischen Unterricht. Dieser kann zum Teil schon zielführend sein, ist auf YouTube jedoch auch gut verfügbar und dann auch punktuell abrufbar… In diesem Rahmen spielen Menschen zusammen und lösen gemeinsam Probleme. Hier wird erschaffen und dabei gelernt. Dieser Rahmen kennt keine Lehrpläne und keine summative Bewertung, in diesem Rahmen bewegen sich die Menschen auf Augenhöhe.


Lasst uns diesen Rahmen schaffen!


In meinem Artikel "Was ist eigentlich Digitalkompetenz und wie erwirbt man Sie" auf der Plattform MoreThanDigital.info erläutere ich, wie man aus meiner Sicht digitalkompetent wird und führe in "Die Schule der Zukunft lässt die Kinder lernen" weiter aus, welchen Strukturen es dazu bedarf. Viel Spass beim Lesen

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