Wieso wir dringend über's (Schul-)Klima reden sollten...

Aktualisiert: 19. Dez 2020

“Umwelt-Unterricht jetzt!”, titelt ein Artikel des Magazin Pusch, welcher prominent im Lehrerzimmer einer Schule hängt, an der ich derzeit im Rahmen einer Stellvertretung arbeite. So sass ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Tisch und blickte immer wieder zum Plakat, das mich zum Nachdenken anregte. “Brauchen wir wirklich Umwelt-Unterricht?”, hörte ich mich innerlich fragen, “Was bringt das? Ist es denn nicht mittlerweile schon fast Konsens, dass es einen Klimawandel gibt? Wieso kommen wir immer wieder auf die Idee, dass wir unsere Probleme mit mehr Unterricht, mehr Wissenstrichter lösen können?”


Tatsächlich ist der Winter 2021 vielversprechend, lässt man die wachsenden Infektionszahlen des Coronavirus ausser acht. Der Schnee liegt bis in die Täler und mancher Klimaskeptiker führt in seiner Argumentation gekonnt einen weitverbreiteten Weihnachtsmythos an, der besagt, dass es auch früher nur in seltenen Fällen weisse Weihnachten gab und dass der Winter 2019 aufgrund des Klimawandels unglaublich flau war, wird sogleich in Frage gestellt.


Umwelt-Unterricht gilt diesen Skeptikern, von denen man glaubt, man müsse sie nur genug bilden, dass auch sie den Handlungsbedarf erkennen. Doch intuitiv wissen wir wohl alle, dass sich global gerade ziemlich viel verändert. Es sind Geschichten von Betroffenen, Bilder von überforderten Feuerwehrmännern und -frauen, die verzweifelt versuchen, die tobenden Feuer in Kalifornien zu bekämpfen oder Satellitenbilder vom Eisberg A-68, welcher derzeit auf Kollisionskurs mit Südgeorgien befindet, die das Potenzial haben, Augen zu öffnen. Sie werden in den Medien sowieso konstant verbreitet und beunruhigen viele Menschen.


Doch was können wir tun? Wo sind die Lösungen? - Und genau DAS soll Umwelt-Unterricht bieten, meinen die BefürworterInnen und ernten somit meine Zustimmung. Aber wie? Wie gelingt es uns, (A) Verhaltensänderungen zu bewirken und die Kinder und Jugendlichen in der Schule zu befähigen, (B) mit Lösungsansätzen vielleicht sogar noch mehr beizutragen, als nur ihren eigenen ökologischen Fussabdruck zu reduzieren?


A


Hier liefert uns der dänische Familientherapeut Jesper Juul eine interessante Stossrichtung. Nach Juul soll es im Umgang mit Menschen und Kindern insbesondere um folgende vier Grundwerte gehen: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Persönliche Verantwortung


So soll ein gleichwürdiger Umgang angestrebt werden, indem wir uns auf Augenhöhe begegnen. Dass dies möglich wird, müssen wir uns authentisch zeigen, also so, wie wir wirklich sind und auch die Athentizität des Gegenübers wertschätzen. Tun wir dies, so wahren wir unsere eigene Integrität. Wir setzen Grenzen und geben unseren Bedürfnissen und Gefühlen Raum, handeln sie mit anderen aus und finden uns. Dies ist, was es bedeutet, persönliche Verantwortung (also Verantwortung für mich selbst) zu übernehmen.


Wenn wir davon reden, dass Menschen ihren ökologischen Fussabdruck reduzieren sollen, dann erwarten wir von ihnen, dass sie soziale Verantwortung (also Verantwortung für die Welt und die Menschen auf ihr) übernehmen. Diese kann nach Juul aber nur übernommen werden, wenn man zuerst die Verantwortung für sich selber übernimmt, übernehmen darf und somit zu übernehmen lernt.


Inwiefern dies in der Schule (nicht) möglich ist, machte Christoph Schmitt in seinem Blogbeitrag “Bildungsgerechtigkeit durch Präsenzunterricht: Warum das eine Lüge ist und das Gegenteil der Fall.” klar. Im Abschnitt “Was ich in der Schule lerne” schreibt er:

  • Wer vorne steht, hat das Sagen – egal, was er oder sie sagt.

  • Autoritäre Autoritäten bestimmen über meinen Alltag: wie ich ihn gestalte, wo ich mich wann aufhalte, was ich wann mache und nicht, mit wem und was ich mich beschäftige und nicht, wofür ich Zeit einsetze, die niemals meine ist, weil andere sie mir zuteilen und sie portionieren, sie mir geben und nehmen.

  • Individuelle Bedürfnisse sind mindestens zweitrangig. Es ist besser, sich nicht so intensiv mit ihnen zu beschäftigen bzw. sie gar zu einem Bestandteil meines Lernens und meiner Bildungsprozesse zu machen.

Martin Walser (1982), Heimatlob, S. 34, 37. Insel Verlag.

  • Die Bewertung durch andere ist jederzeit Ausgangs- und Zielpunkt meiner Selbsteinschätzung. Im Zweifelsfall gilt, wie andere mich einschätzen.

  • Es entscheiden immer andere über richtig und falsch. Ich lerne, diese Perspektive zu übernehmen. Ich lerne nicht zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Ich lerne, dass andere darüber entscheiden. Das lerne ich als richtig. Ich verinnerliche das.

  • Andere entscheiden über mich.

  • Protest führt zu Sanktion und Verlust von Chancen.

  • Ich habe keinen Einfluss auf die äußeren Bedingungen meines Lernens. Auch nicht auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen. Sie sind immer von anderen gesetzt.

  • Wer es mit Autoritäten gut kann, wird Erfolg haben.

Dieser Auflistung stimme ich absolut zu. Sie gilt auch in modernen Schulen, die ihren Unterricht im Churer-Modell oder nach ähnlichen Ansätzen gestalten. Letztendlich gilt jedoch immer noch die Fremdbestimmung und alle Mechanismen um sie herum, die tragischerweise zur Gültigkeit obenstehender Auflistung führen.


Wir sind also fern davon, den Kindern und Jugendlichen an unseren Schulen zu ermöglichen, persönliche Verantwortung zu übernehmen und werden sie somit auch nicht zur Übernahme sozialer Verantwortung erziehen können. Wir reproduzieren eine Kultur der Ignoranz und der Verantwortungsabschiebung, ungeachtet der Inhalte.


Wenn es uns darum geht, dass der ökologische Fussabdruck kollektiv gesenkt werden soll, dann müssen wir die Kultur an unseren Schulen zum Positiven wenden. Dies bedeutet in erster Linie, dass wir loslassen und den Lernenden ermöglichen, ihr eigenes Lernen zu gestalten und wir sie dabei unterstützen. Oder wie es der visionäre Schulleiter Philipp Zimmer so schön zu sagen pflegt: "Curriculum follows passion: Der Lehrplan ergibt sich als daraus, was die Kinder und Jugendlichen intuitiv tun - und nicht umgekehrt."


B


Es braucht unbedingt SpezialistInnen mit tiefem Wissen im Bereich Klimaforschung in der Schule. Sie sollen allerdings nicht unterrichten, ihr Wissen didaktisch herunterbrechen, sondern dieses in Lösungsprozesse einfliessen lassen. Der deutsche Systemtheoretiker Prof. Peter Kruse bringt in seinem Video zu Kreativität auf den Punkt, wie man solche Möglichkeitsräume schafft. So meint er, dass es keinen Sinn mache zu glauben, man könne Menschen auf Kommando kreativ machen. Dies sei mindestens so absurd, als würde man jemandem sagen: “Denk jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten” - An was denken Sie jetzt? Man könne also nur Möglichkeitsräume schaffen, in denen Kreativität emergiere. Weiter beschreibt er drei Charaktere von Menschen, die gemeinsam zur Problemlösung beitragen.


Hierzu ein Ausschnitt aus dem Transkript zum Video:


...und ansonsten versuche ich, netzwerke zu bauen, und da baue ich eigentlich nur das gehirn nach. in meinen netzwerken gibt es immer drei charaktere von menschen:


es gibt die Creators, das sind die spinner, die mich immer stoeren, die immer mit neuen ideen kommen. es gibt die Owner, das sind die wissenseigner. das sind die leute, die etwas im tz beherrschen. und, es gibt die Broker; das sind die, die leute kennen, die etwas wissen; die vermitteln. und jetzt kann man eigentlich sagen: diese drei personengruppen bilden zusammen ein gehirn.


wenn ich den Creator und den Owner zusammenbringe, bekomme ich ideen. da entsteht naemlich aus wissen und aus instabilitaet ein ideenpool: das ist der cortex.


wenn ich den Owner und den Broker zusammenbringe, habe ich zwei bewerter zusammen. weil, der Broker muss bewerten koennen, ob ein wissen was taugt, und der Owner muss bewerten koennen. hier habe ich das limbische system.


und wenn ich den Broker und den Creator zusammenbringe, dann habe ich erregung. weil, der Broker stoert mich, und der Creator stoert mich. d.h., was bekomme ich dann? eine aufsteigend retikulaer aktivierende formation, die mich immer wieder erregt.


und wenn sie die drei dinge zusammenbringen, Errgegung, Loesungsbildung und Bewertung, dann haben sie ein Gehirn.


was anderes tu ich nicht; ich such mir einfach immer nur diese leute, die diese charakteristiken haben. und glauben sie mir: die unterscheiden sich. sie finden nach kurzer zeit raus, wer ein guter Broker ist. die sind nicht tief in ihren kenntnissen, aber die wissen immer genau, wer’s weiss. und diese Creator, die sind nicht tief in ihren kenntnissen unbedingt, aber die spinnen wie die weltmeister; die koennen unglaublich schnell neue muster erzeugen.


und die Owner sind diese wertvollen leute, die etwas wirklich gut wissen; die aber, wenn sie alleine sind, meistens keine neuen loesungen finden, weil sie die instabilitaet nicht hinbekommen.


d.h., ohne die erregung und ohne die stoerung wird das ganz, ganz schwer.


und so kann man, wenn sie so wollen, intelligente systeme bauen, deren summenintelligenz groesser ist als die intelligenz der beteiligten menschen.


und das ist mein grosses ziel.


Ich schlage also vor, dass man diese Erkenntnisse in das Schaffen neuer Lernumgebungen einbaut. So erwerben die Lernenden automatisch jenes Wissen, dass sie zur Problemlösung befähigt, lernen sich selber kennen, somit persönliche Verantwortung zu übernehmen und können sich im Kollektiv einbringen. Dabei entsteht ganz natürlich das 4K Kompetenzspektrum, welches von vielen ZukunftsforscherInnen als zentral hervorgehoben wird, um sich im 21 JH zu bewegen:


“Kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kooperation, Kreativität und Innovation – diese 4Ks sind die Kompetenzen, die ein Mensch im 21. Jahrhundert braucht, um einerseits in der Gesellschaft zu bestehen und anderseits diese mitzugestalten.”, PHZH


Wie dies konkret aussehen könnte, zeigt zum Beispiel die Villa Monte in Galgenen, zahlreiche weitere innovative Schulen in der Schweiz, wie sie auf unserer Schulwandel Karte zu finden sind, sowie Learnlife in Barcelona, welches am Forum for World Education der OECD als zielführend und skalierbar herausgehoben wurde.


Wir müssen unsere Erkenntnisse nun nur in der Praxis umsetzen. Wie das geht, erarbeite ich mit dir, deiner Schule und eurem Team mittels der LEGO Serious Play Methode und begleite euch in der Umsetzung.


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